Flugverkehr (181): Betrachtung des Himmels
Betrachtung des Himmels ist ein Gedicht von Nicolas Born (1937-1979), der neben Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) als wichtigster Erneuerer der Lyrik im westlichen Deutschland genannt werden muss, und Günter Eich (1907-1972) war ihr Wegbereiter. Es gibt noch viel mehr wichtige Lyriker, auch aus der DDR, doch wir wollen uns nicht verwirren und bleiben bei den dreien. Von Born hatte manipogo noch nichts.
Nicolas Born war in Duisburg geboren und lebte in Berlin und in Niedersachsen. Er hatte diesen lapidaren, lakonischen Ton, der die Poeten der 1970-er Jahre auszeichnete; sie waren dran am Alltag und schafften es, ihn poetisch einzufangen, und sie waren etwas traurig und fühlten sich verloren in der Beton- und Konsumwelt. Unmittelbarkeit hieß ein Band über die Dichtung von Born und Brinkmann. Nicolas Born lebte nicht lange, er hatte zuviel geraucht.
Ich mag seine Überschriften. Die haben Magie. Etwa:
Das Auge des Entdeckers (Gedichtband, 1970-1972)
Unruhen auf Mauritius
Donnerstag, fünfzehnter Juli
Einfach dasein
Landschaft mit großem Auto
Abschied fürs Leben und Abschied für den Tod
Das Verschwinden aller im Tod eines einzelnen
Das Erscheinen eines jeden in der Menge
Keiner für sich, alle für niemand (Gedichtband, 1972-1978).
Nun ein Auszug aus Betrachtung des Himmels. Das ist spontan hingeschrieben, und man muss da eben Eichendorff und Heine vergessen, das ist Pop und Anarchie, doch nun, 50 Jahre danach, sind wir zurückgegangen, nun, da wir puritanisch und gesund leben, umgeben von Technik, die logisch ist, und es regiert das Allgemeinverständliche (Born). – Das mit den Einzügen ist schwierig bei WordPress, man kann immer nur Absätze einrücken, und Born rückt eben viele Zeilen ein. Ganz stimmt das Schriftbild unten also nicht mit Borns Original überein.
ein Bissen Huhn
ein Schluck Bier
ich bin der andere
meine Gedanken kreisen um ein Loch
es erweitert sich die Vorstellung,
was mir
Bier Born
Flugzeug
Raum Zeit
die Maschine voll ich auch voll
das Magazin des Entführers bleibt voll
das Auge des Piloten ist voll Zärtlichkeit
WIR überfliegen den Wendekreis der Realität
eine abgesprengte Hülse ist zu erkennen
der Realismus unten ganz klein
und »Zitate«
am hellsten noch die Lichter
Brauchen wir eine Hauptstadt der Phantasie?
Luftkorridore mit Falltüren?
Es passiert einfach: »Das Neue Leben« nach
einer sauberen Landung
diese Ironie ist hell und allgemeinverständlich
sie ist »Das Neue Leben« selbst
und wir selbst sind es auch
das Allgemeinverständliche
Wir sind keine geschlossene Gesellschaft
aber die eingeschleusten Agenten
überlassen wir den Maschinen und den Nachrichten
vom Ende der Nachtschichten
den Rest bewegt DAS GLÜCK
es macht die Eindringlinge
schwer und leicht bis sie aufgeben
alles vor dem Hintergrund des drohenden
Lochs
(…)
Maschine voll, auch ich voll … Ich erinnerte mich plötzlich an einen Flug nach Newcastle 1989, ich war jung damals und hatte die Einladung einer Plattenfirma zum Konzert von Fleetwood Mac, und ein Konzert-Manager war auch dabei, er hieß Hansi Hofmann, glaube ich und lebt sicher längst nicht mehr. Damals gab es im Flieger reichlich alkoholische Getränke, und ich war leicht angetrunken, als ich einer Pressemieze, die blond und kühl, doch sehr attraktiv war, einen Liebesbrief schrieb, den ich später sogar abschickte. Vor dem Konzert durfte ich in den Umkleideräumen sogar Christine McVie und Stevie Nicks die Hand schütteln, doch an viel mehr erinnere ich mich nicht.
Ich glaube nicht, dass ich etwas darüber geschrieben habe, doch damals lief das bei aktuellen Stücken so ab: Man schrieb im Hotelzimmer auf Papier seinen Artikel, dann rief man dpa Hamburg an, und einer von der »Aufnahme« meldete sich. Er (lider nicht die schöne Angelika) sagte: ›Bleib ruhig, gib mir den Bericht durch.‹ Du hast also den Beitrag vorgelesen, sie nahmen ihn auf und tippten alles ab und schickten ihn an den Nachtredakteur weiter. – Die Aufnahme hat man sicher weggespart. Jetzt haben alle Laptops und senden direkt an die Zentrale.
Die Pressemieze, die Martina hieß, fand meinen Brief süß, aber sie war mit einem dicklichen Wirtschaftsmann zusammen, der wohl Geld hatte, und so sehr hat mich das auch nicht gestört. Wenn sich in der Liebe was manifestiert, wird es schon wieder Arbeit. (Wobei dieses manifestieren irgendwie schlüpfrig klingt.) Bei mir mani-festiert sich vor allem manipogo.
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