Jaroslav Seifert
Jaroslav Seifert war bislang der einzige tschechische Autor, der den Literatur-Nobelpreis bekam. Im Oktober 1984 war das. Zwar hatte er seit 1923 um die 60 Gedichtbände veröffentlicht, doch im Westen kannte ihn fast niemand. Er selber lag im Krankenhaus und ist ein Jahr später, am 10. Januar 1986, gestorben. Das ist der richtige Tag für eine Würdigung, 40 Jahre später. Wir waren ja gerade in Prag. Großartig.
Seifert liebte seine Stadt und dichtete beschwingt:
Prag, die Stadt!
Wer sie nur einmal sah im Leben,
dem klingt ihr Name immer
im Herzen wie ein Lied.
Sie selbst ein Lied, verwoben in der Zeit, – wir lieben sie.
Erklinge nun!
Sein Leben in Kürze, wie es der Vitalis-Verlag beschrieb (sein Bild rechts hängt so an einer Wand des Café Slavia in Prag, das die Literaten liebten):
Im Arbeiterviertel Žižkov geboren, wuchs Seifert in ärmlichen Verhältnissen auf, verließ das Gymnasium vor dem Abitur und wurde Kulturredakteur. Nach Aufenthalten in Frankreich (1924–28) trat er 1929 aus der Kommunistischen Partei aus. Der Mitbegründer der avantgardistischen Künstlergruppe Devětsil war ein wichtiger Vertreter des tschechischen Poetismus, neben seiner Lyrik schrieb er jedoch auch Reportagen, Feuilletons und Gedichte für Kinder. 1968 protestierte er gegen die Invasion von Truppen des Warschauer Paktes in sein Land. Als Mitunterzeichner der Charta 77 wurde ihm ein Publikationsverbot auferlegt. 1984 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.
Wer ganz viel über Seiferts Leben lesen will, kann sich bei Planetlyrik bedienen.
Zehn Jahre – von 1970 bis 1980 – durfte nichts von ihm erscheinen. Außerdem war er den Machthabern zu »negativ«. Akropolis hat viele Werke von ihm, und der Link steht da, damit man sieht, wie sich das Tschechische liest. Ich dachte, ich könnte mit Polnisch etwas zurechtkommen, sah aber: keine Chance.
In dem Stadtteil, in dem der Dichter zur Welt kam, widfmete man ihm eine Straße.
Zwei seiner Zitate:
Der Geruch des Brotes ist der Duft aller Düfte. Es ist der Urduft unseres irdischen Lebens, der Duft der Harmonie, des Friedens und der Heimat.
Gab es je ein Paradies, so nicht auf diesem Planeten.
Ein Literaturkritiker aus Tschechien würdigte ihn so:
Er verstand die Poesie als etwas, das einem alltäglichen Gespräch gleichen kann, als etwas, das aus der Höhe heruntergeholt werden kann, etwas Geläufiges, Selbstverständliches und Natürliches.
Einmal schrieb Jaroslav Seifert etwas zu Ehren von Federico García Lorca (1898-1936):
Über die Alpengletscher, Pyrenäengipfel
spricht mit dem toten Dichter einer, der noch lebt,
schickt mit der Faust zum Grab hin einen Kuss –:
so küssen sich bisweilen Dichter unsrer Tage.
Und dann das Café Slavia, in dem im September 2021 ein Gedenkabend für Seifert stattfand. Er lobte es so, als läge es in Paris:
CAFÉ SLAVIA
Von der Uferstrasse durch eine Geheimtür
aus so klarem Glas,
daß sie fast unsichtbar ist,
und deren Angeln
geschmiert sind mit Rosenöl,
pflegte Guillaume Apollinaire einst einzutreten.
Er trug noch den Kopfverband aus dem Krieg.
Er setzte sich zu uns
und las brutal schöne Verse,
die Karel Teige sofort übersetzte.
Dem Dichter zu Ehren
wurde Absinth getrunken,
der grüner
als alles Grüne ist,
und wenn wir von unserem Tisch aus dem Fenster blickten,
floß die Seine unter dem Kai.
Ach ja, die Seine!
Breitbeinig, ganz in der Nähe
erhob sich der Eiffelturm.
Einmal kam Nerval mit schwarzer Melone.
Damals ahnten wir nicht,
ebensowenig wie er,
dass Apollinaire die gleiche getragen hatte,
als er sich in die schöne
Louise de Coligny-Châtillon verliebte.
Er nannte sie Lou.
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Wir besuchten Anfang Januar das Café Slavia und mussten eine Vierrtelstunde wartzen, bis uns ein Platz zugewesen wurde: und er lag exakt auf der Höhe des Portraits von Seifert! Die Geheimtür von der Uferstraße fanden wir nicht. Das Café, das in den 1860-er Jahren eröffnet wurde, erhielt durch den Bau der Oper gegenüber 1884 eine neue Anziehungskraft. 1993 wurde es geschlossen und eröffnete wieder am 17. November 1997 – mit einem Abend für Jaroslav Seifert.