Stiller Raum

Als ich in Berlin im Gropiusbau in dem dunklen Raum stand und Ligia Lewis‘ Stimme hörte … Oder besser: als ich in diesem schwarzen Raum stand, war ich so angenehm verschwunden, so fern von mir und doch verströmt in alles, und später dachte ich mir: Das ist auch der Charme des Kinos, dieser stille Raum ohne dich drin. Oder: du in allem.

Ein Raum der Stille, damit ist nicht unbedingt ein konkreter Raum gemeint, und es muss auch nicht stockdunkel sein. Nur still soll es sein, und möglichst ohne andere Menschen. Eigentlich ist auch unsere Alltagswelt voll mit solchen »liminalen« Zuständen, wie Victor Turner das gesagt hätte: Schwellenzuständen. Überall gibt es diese Augenblicke des Wartens und der Vollendung.

Hören wir uns an, was Selina Tutsidala Marsh sagt, die kürzlich zur Commonwealth Poet Laureate gekürt wurde. Die Dichterin aus Australien übt gern Fatele, einen schleppenden Gesang von Ureinwohnern, und entdeckte einmal das Kickboxen für sich.

Was ich in beiden Praktiken fand, rührt davon her, dass es da einen sehr ruhigen Raum gibt – auch nur ein paar Sekunden lang –, wo nichts ist. Wo du nicht mehr da bist, dennoch Teil von allem bist. Das, glaube ich, ist heilend für Körper und Seele.   

Du stehst in diesem Museumssaal, siehst eine Installation, und die Stille um dich herum ist wie eine dicke Suppe, die jegliches Denken in dir erstickt. Freilich, dein Ich ist immer noch da, und könnte es gelingen, es ganz wegzuschicken für ein paar Sekunden, dann wäre man in Ekstase; aber nicht ich wäre in Ekstase, denn ich wäre nicht mehr, Ekstase heißt ja außer sich sein. Ohne Ich. Ohne mich. Erst dann kann das Göttliche sich in uns breitmachen.

Und im Kino geht das Licht aus, und dein Bewusstsein ist auf der Leinwand und in ihr drin, in Handlung und Landschaft, zweidimensional, aber täuschend ähnlich den drei Dimensionen. Bewusstsein ist das, was sich auf etwas projiziert. Ich bin dort, ohne Ich, die Reflexion tritt später ein.

Verkehrsmittel vor der Abfahrt oder gleich nach der Ankunft, Wartezeit in der Behörde, an der Supermarkt-Kasse: überall gibt es Freiräume und stille Zonen. Achten wir heute einmal auf sie! Schreiben wir sie auf!

 

 

 

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