Perfect Days

Der stille Raum (von gestern) wird ja in Japan für die Teezeremonie benötigt. Ich war sicher, darüber einmal geschrieben zu haben: über Kakuzo Okakuras The Book of Tea. Ja? Anscheinend doch nicht. Da morgen Musashi dran ist, der Samurai aus dem alten Japan, hat heute Hirayama seinen Auftritt, die Hauptfigur in dem Film Perfect Days von Wim Wenders (2023). 

Auf Anraten meiner Nichte Franziska ging ich auf die ARD Mediathek und schaute mir den zweistündigen Film an. Wie bei manipogo immer wieder durchsickert, bin ich ein alter Wenders-Fan. Er ist ja 12 Jahre älter, und als er in der zweiten Hälfte der 1970-er Jahre drei oder vier tolle Filme hinlegte, war er nicht mal Mitte 30. Im Lauf der Zeit (1976) und Alice in den Städten  (1974) waren meine Favoriten, aber wenn ich seine Filmliste ansehe, muss man gar nicht weiterreden. Der Mann ist heute 80 und immer noch produktiv.

Reden wir über Perfect Days. Auch andere Kritiker redeten darüber, wollen etwas sagen, und dann wird es leicht gespreizt. Denn es passiert ja wenig in dem Film, der deshalb gut zu Japan passt, das man sich gern meditativ vorstellt. Mein Lieblingsfilm ist A Summer with Kikujiro von Takeshi Kitano, der nun auch schon 79 Jahre alt ist. Ein kleiner Junge hat Schulferien und weiß nicht, was er anstellen soll.

Seine Mutter würde er gern besuchen. Da nimmt ihn Takeshi mit, und sie erleben ein paar schöne Sachen, nicht Bedeutendes, aber man sieht gern zu: der täppische Takeshi und der kleine faszinierte Junge. Und die Musik von Joe Hisaishi ist großartig, hören wir uns Summer an, mit Bildern aus dem Film, und es wird bald wieder Frühling! In dem Clip sieht man oft den legendären Berg Fujiyama, und mein neues Rennrad heißt auch so, Fuji. Hab ich mir gegönnt. Kommt übermorgen dran.

Franziska fand die Atmosphäre toll. Das hat Wenders drauf. Die Handlung ist eher sein Problem: Die Filme in Lissabon und auf Kuba machten die jeweiligen Musiker populär, doch die Geschichte der beiden Filme war etwas dünn. Bei Perfect Days passt es aber. Am Anfang hat’s mich etwas genervt, weil Hirayama, der Toilettenreiniger in Tokio (rechts eine Toilette an der Reeperbahn, Hamburg), im Auto gleich alte Ami-Songs anhört. Es war ja vor 50 Jahren schon nicht zu überhören, dass Wenders die Vereinigten Staaten und ihre Atmosphäre liebt. Rüdiger Vogler als Journalist steigt in Motels ab und wirft etwas in die Music-Box ein. Auch der junge Mitarbeiter Hirayamas nervte.

Doch dann fand der Film zu seinem ruhigen Rhythmus. Hirayama (Koji Yakushu) liest am Abend gern oder fährt mit dem Rad zum Sake und fürs Abendessen in eine Bar. Am Morgen wacht er auf und geht nach draußen, die Sonne empfängt ihn, und er ist glücklich. Ein perfekter Tag erwartet ihn; jeder Tag ist perfekt. Eigentlich ist der Film »eine Feier des Lebens selbst«, meinte ich zu meiner Nichte, und sie fand das zutreffend. Jemand geht seinem Broterwerb nach und freut sich daran. Und wir freuen uns mit ihm. Eine besondere Beziehung verbindet ihn mit einer Barbesitzerin, um die er sich, wie ihr schwer kranker Ex-Mann vorschlägt, kümmern soll. Er darf hoffen, und wir hoffen mit ihm.

Der Film war auf der ARD Mediathek zu sehen. Aber plötzlich heißt es da: »kein Video verfügbar«! Haben sie den Film ausgesondert? Das wäre schade.

 

 

 

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