Über das Unsagbare sprechen

Wir wollen die Erfahrung der TestpilotInnen ernst nehmen, als das liebende Licht sie überschwemmte. Da sagen fast alle, die Sprache reiche dafür nicht aus, und sie sind tief gerührt und fühlen sich geliebt als die, die sie sind. Es ist eine mystische Erfahrung: das Einssein mit Gott. Das sind die »unaussprechlichen« Dinge, von denen Swedenborg sprach.

Man denkt sich, dass die innige Begegnung mit dem Licht sozusagen der liebende Empfang in der Anderswelt ist. Das höchste Glück ist nicht von Dauer, die Reise geht weiter, doch scheint diese Erfahrung die Körperlosen umgewandelt zu haben; nachdem sie zurückgekehrt sind, können sie in die Zukunft sehen und Verstorbene schauen. Das göttliche Licht hat sie infiziert.

Fast alle TestpilotInnen sagen, dass die Worte nicht ausreichen, die Beseligung zu vermitteln. Ähnlich ging es deutschen Mystikern wie  Meister Eckhart, Mechthild von Magdeburg und Heinrich Seuse. Da könnte man viele Zitate bringen. Viel später, vor 100 Jahren, versuchten Franz Kafka und Robert Musil, das Unausdrückbare in Worte zu fassen. Die erstgenannten Mystiker lebten im 13. Jahrhundert und widmeten ihr Leben der Gotteserfahrung.

Der jüdische Philosoph Maimonides wirkte noch früher: Er lebte von 1135 bis 1204. Er schrieb einmal:

Was den glückseligen Zustand der Seele in der kommenden Welt anbelangt, so ist es auf Erden ganz unmöglich, ihn zu begreifen oder zu kennen. Denn während unserer irdischen Existenz kennen wir nur körperliche Freuden, und sie sind es, nach denen wir uns sehnen. Doch die Glückseligkeit im Leben danach ist über alle Maßen groß und nur metaphorisch mir irdischen Vorgängen zu vergleichen. In Wirklichkeit jedoch kann es gar keinen Vergleich geben zwischen der Glückseligkeit der Seele im jenseitigen Leben und der Befriedigung, die Essen und Trinken dem Körper auf Erden bereiten. Jene spirituelle Glückseligkeit kann nicht gesucht werden, und sie übersteigt alle Vergleiche. 

Doch bei dem prinzipiell materialistisch eingestellten Maimonides (als gäbe es nur Essen und Trinken!) ist implizit ausgedrückt, dass wir nicht imstande seien, die Kommende Welt zu begreifen, und die Folgerung vieler Kommentatoren noch 900 Jahre danach lautete: ›Lassen wir es; denken wir gar nicht erst über die Kommende Welt nach.‹

Die Mystiker haben Glückseligkeit schon hier erlebt. Es gibt sie! Nur unsere eng begrenzten Vorstellungen, unsere Sprache stehen uns im Weg.

Daniel Neumann meinte in seinem Aufsatz Das Unsagbare schreiben (2016):

Fast alle Mystiker sind sich darin einig, dass zur Beschreibung der göttlichen Erfahrung die menschliche Sprache nicht ausreicht. Die Schriften der Mystiker zeugen von einer Übermacht der Erfahrung, der die Sprache nicht mehr beizukommen vermag. Die Beziehung, die sich zwischen dem Geschöpf und dem Schöpfer herstellt, liegt außerhalb der menschlichen Kommunikationsmöglichkeiten. Diese Beziehung ist im Grunde nicht mitteilbar. Wird das Unsagbare jedoch ausgesagt, so nur annäherungsweise.

Der sprachliche Niederschlag der Mystik hat seine Eigenheiten. Die Beschreibung der mystischen Erfahrung hat in ihrer Geschichte mit der Sprache ganz spezifische Redeformen ausgebildet und wendet in den Texten, die diese Erfahrung bezeugen, Redeformen an, die diese sprachliche Ohnmacht anzeigen. Geprägt sind diese Texte von der Unmöglichkeit, sich selber auszusagen. Sie vermelden die Unsagbarkeit des Erlebten. Daher bedient sich die mystische Rede vornehmlich der Metapher, dem Paradox, dem Oxymoron und der Negation. Wie keine andere Sprachform treibt die mystische die Sprache an ihre letzten Möglichkeiten.

 

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