Umberto Eco über den Ur-Faschismus (2)

Hier die zweite Hälfte der 14 Punkte, die laut Eco den Ur-Faschismus kennzeichnen. Damals, 1997, war gerade die Linke in Italien an die Macht gekommen, und Berlusconi lauerte im Hintergrund. 1994 war er schon einmal Ministerpräsident gewesen; 2001 bildete er erneut die Regierung. Man wird diese nicht als faschistisch bezeichnen können und die gegenwärtige Rechts-Regierung Italiens auch nicht. Doch die Gefahr bleibt.

Nun die zweite Hälfte von Umberto Ecos Kennzeichen des Ur-Faschismus:

8 Die Gefolgsleute der Faschisten müssen sich von der Macht ihrer Gegner eingeschüchtert fühlen. Das Regime sagt ihnen das, doch erklärt ihnen auch, dass der Feind besiegbar sei; er wird einmal als schwach, dann wieder als sehr stark bezeichnet. Der Ur-Faschismus ist nicht in der Lage, seinen Gegner realistisch einzuschätzen.

9 Der Ur-Faschismus kämpft nicht, um zu leben, sondern lebt, um zu kämpfen (siehe 3, die Aktion wird gepriesen). Nach einem etwaigen Sieg sollte ein ewiger Frieden einsetzen, was dem Faschismus widerstrebt, der den permanenten Krieg bewundert. Kein faschistischer Führer habe diesen Widerspruch lösen können, meint Eco.

10 Das Elitedenken zeichne jede reaktionäre Bewegung aus. Der Ur-Faschismus liebt ein populäres Elitedenken: Jeder ist der Beste, weil in diesem Land geboren, weil zur Partei gehörig, weil das Richtige denkend. Alles ist hierarchisch geordnet, und jeder verachtet den, der unter ihm steht.

11 Der Ur-Faschismus predigt den Heroismus und betreibt einen Kult des Todes. Er preist den Tod als Lohn für ein heroisches Leben an; der Held kann es nicht erwarten zu sterben (doch diese Ungeduld habe weitaus häufiger anderen den Tod gebracht, merkt Eco an).

12 Heroismus und ewiger Krieg sind schwierige Gedanken, also konzentriert sich der Ur-Faschismus auf die Sexualität. Und er verachtet also Frauen und wendet sich gegen Abweichungen von der Norm wie Keuschheit oder die Homosexualität. Eco schreibt: Auch Sexualität sei schwierig, also ergreife der Ur-Faschist seine Waffe, diesen Phallus-Ersatz, und seine Kriegsspiele seien auf dauerhaften Penisneid zurückzuführen.

13 Das Individuum zählt nichts, es zählt das Volk. Der Wille des Volkes ist zwar nur Fiktion (der Machthaber drückt ihn aus), wird aber oft beschworen. Künftig werde es eine repräsentative Gruppe geben, die für das Volk steht (vielleicht eine Internet-Gefolgschaft, schreibt Eco schon 1997). Wenn jedenfalls der Ur-Faschist das Parlament verachte, weil er diesen Willen des Volkes nicht ernst nimmt, spüre man den Geruch des Ur-Faschismus. (Rechts: Mussolini im September 1938 in Triest)

14 Der Ur-Faschismus bedient sich einer einfachen Sprache mit einem geringen Vokabular.

Eco zum Schluss:

Der Ur-Faschismus lebt und ist um uns herum. … (Er) kann jederzeit in scheinbar unschuldigen Formen wiederkehren. Es ist unsere Pflicht, ihm die Maske vom Gesicht zu reißen und jede seiner neuen Formen anzuprangern – jeden Tag, in jeder Ecke der Welt.

Trump erfüllt diese Bedingungen fast alle. Er kennt nur Feinde (Venezuela, Kuba, Kanada, die Migranten und Länder, die den USA angeblich schaden; außerdem diejenigen Menschen, die früher gegen ihn ermittelten), er und seine Helfer gehen gegen Frauen vor, gegen Schwarze, gegen Trans-Menschen, und er regiert einfach an Kongress und Senat vorbei. Sie zählen für ihn nicht. Wenn man daran denkt, wie unverfroren er im vergangene Jahr vorging (er begnadigte notorische Kriminelle, verhängte im Alleingang Zölle, jeden Tag dekretierte er etwas: handeln statt nachdenken!), fehlen einem die Worte.

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