Die Angst der Gefangenen

Zum ersten Mal etwas von Herta Müller gelesen, die 2009 den Literatur-Nobelpreis bekam. Herztier, ein Roman aus den 1980-er Jahren in Rumänien unter Diktator Ceauşescu und seiner schrecklichen Frau. Da tritt uns diese Zeit grell entgegen, und Müllers Sprache ist besonders, ist poetisch-dunkel und poetisch überdreht, aber das passt.

Nehmen wir diese Stelle, die ziemlich deutlich und rhetorisch geschrieben ist:

Alle lebten von Fluchtgedanken. Sie wollten durch die Donau schwimmen, bis das Wasser Ausland wird. Dem Mais nachrennen, bis der Boden Ausland wird. Man sah es ihren Augen an: Sie werden sich bald, für alles Geld, das sie haben, Geländekarten von Landvermessern kaufen. Sie hoffen auf Nebeltage im Feld und im Fluss, um den Kugeln und Hunden der Wächter zu entgehen, um wegzulaufen und wegzuschwimmen. Man sah es ihren Händen an: Sie werden sich bald Ballons bauen, brüchige Vögel aus Bettlaken und jungen Bäumen. Sie hoffen, dass der Wind nicht stehenbleibt, um wegzufliegen. Man sah es ihren Lippen an: Sie flüstern bald mit einem Bahnwärter für alles Geld, das sie haben. Sie werden in Güterzüge steigen, um wegzufahren. 

Bild aus Rumänien, wo ich 2008 war, mit dem Rad

Nur der Diktator und seine Wächter wollten nicht fliehen. Man sah es ihren Augen, Händen, Lippen an: Sie werden heute noch und morgen wieder Friedhöfe machen mit Hunden und Kugeln. Aber auch mit dem Gürtel, mit der Nuss, mit dem Fenster und mit dem Strick. 
Man spürte den Diktator und seine Wächter über allen Geheimnissen der Fluchtpläne stehen, man spürte sie lauern und Angst austeilen. 

Die Angst. Die Einwohner sind Gefangene, sind Geiseln. Man will, dass alle eines Sinns sind. Auch woanders – im Sudan, in Kolumbien, im Kongo – sind die Bürger der Regierung egal. Die Mächtigen kümmern sich um ihr Bankkonto, und die an der Peripherie sind ihnen herzlich egal. In Rumänien und der DDR jedoch wurden die Bürger bedrängt, indoktriniert, verfolgt. Kommunismus ist eine Religion. Alle unterwegs zum gelobten Land, zur Freiheit des Proletariats.

Herta Müller, 1953 geboren, lebte fast 20 Jahre in Timişoara (Temesvar). 1987 konnte sie ausreisen aus diesem Alptraumland, das sonst noch durch Graf Dracula bekannt ist.

Vor der obigen Passage ist im Buch etwas passiert. Lola lebte mit der Erzählerin und 4 Mädchen im Studentenheim. Sie studierte 4 Jahre, schloss sich der Einheitspartei an, hatte viele Männer, und einer besaß ein Auto und war auch Parteimitglied. Doch dann hängte sich Lola auf. Zwei Tage nach ihrem Tod wurde sie in der Großen Aula der Universität aus der Partei ausgeschlossen und von der Universität exmatrikuliert.

Fahnenflucht! Wer sich aus diesem vortrefflichen Land mit seinem tüchtigen Diktator davonmacht, wird geächtet noch nach dem Tod. Das ist wie in der katholischen Kirche: Selbstmörder wurden Jahrhunderte nicht in geweihter Erde bestattet; Strafe muss sein. Der Rektor wütet: Sie habe alle getäuscht und es nicht verdient … Alle klatschten.

Niemand hat sich getraut, als erster aufzuhören. Jeder schaute beim Klatschen auf die Hände des anderen.

Das Klatschen hört nicht auf, der Rektor beendet es. Der regimetreue Turnlehrer, der Lola vermutlich, wie wir durch Andeutungen wissen, etwas angetan hat, ruft zur Abstimmung. Alle Hände recken sich empor, so hoch wie möglich. Und der Turnlehrer sagt, man müsse nicht zählen, selbstverständlich seien alle dafür. Was für eine groteske Veranstaltung! Der unglücklichen Toten wirft man noch die Verachtung des Staates nach, und alle sind sich einig.

Herta Müller überspitzt das noch. Sie sagt:

Ich kenne die Irrgewordenen in jedem Stadtteil.

Sie schildert uns die Zwergin, die andauernd vergewaltigt wird, weil sie sich nicht wehren und nicht schreien kann; den Philosophen, der Bäumen und Strommasten etwas erklärt, weil er sie für Menschen hält; die Alte mit ihrem Schlitten und dem ewigen Hütchen aus Zeitungspapier und meint:

Nur die Irregewordenen hätten in der Großen Aula nicht mehr die Hand gehoben. Sie hatten die Angst vertauscht mit dem Wahn. 

Verrückt werden ist auch ein Ausweg, eine Flucht. Ja, die Irren hätten sich normal verhalten; und die Normalen benahmen sich wie Irre in der kranken, terrorlastigen Atmosphäre dieses Landes.

(Herta Müller, Herztier, Carl Hanser Verlag 2007; S.  55/56 – 32 – 35/36 – 40) 

 

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