Iranische Dämmerung

Wir wissen nicht, wie es ausgehen wird im Iran. Die Medien schreiben: »Der Sicherheitsapparat geht mit unglaublicher Brutalität vor.« Das Regime steht nach den Massendemonstrationen, die Ende Dezember begannen, mit dem Rücken zur Wand. Aber fast 4000 Menschen sollen bereits gestorben sein, umgebracht von den Handlangern der Mullahs. Vielleicht sind es viel mehr.

Der iranische Regisseur Jafar Panahi, dessen Film Ein einfacher Unfall gerade in Deutschland im Kino läuft, ist ein mutiger Mann. Mehrmals saß er schon im Gefängnis. Im vergangenen November fragte er bei einem Gespräch mit Martin Scorsese in New York:

Was wird nach der Republik? Wollen wir mit der Spirale der Gewalt weitermachen oder sagen wir: ›Cut!‹«

Das richtet sich an die Machthaber, denn das Volk will nur eine stabile Wirtschaft und Frieden. Vorgestern sagten er und sein Kollege Mohammad Radoulof (Die Saat des heiligen Feigenbaums), diese islamische Republik sei ein »faschistisches, möderisches und brutales Regime«, mit dem man nicht verhandeln könne. Iran leugnete soeben, dass Hinrichtungen geplant seien – vermutlich nur um die USA ruhigzustellen.

Schon im September 2022 gab es viele Demonstrationen von Studenten, nachdem die Kurdin Jina Mahsa Amini getötet worden war. Die Revolutionsgarden kennen kein Pardon. Sie töten, sie schießen in die Menge; Ärzte müssen Augenverletzungen behandeln, weil diese Bestien gezielt auf Gesichter schießen. Die Revolutionsgarden sind finanziell an der Regierung beteiligt. Sie morden also auch, um ihren Status und ihren Wohlstand zu retten.

Und das in einem sogenannten Gottesstaat! Neben Faschismus und Kommunismus ist der islamische Fundamentalismus eine Geißel der Menschheit. Verblendete Religionsführer deuten den Koran so, als wäre er ein Strafgesetzbuch. Niemand wollte so leben. Es ist eine gotteslästerliche Regierung.

Seit 1979 Khomeini kam, nachdem der Schah vertrieben war, herrscht Repression. Zwischendurch kamen einige zivile Präsidenten an die Macht, die sich aber nicht gegen die Gotteskrieger durchsetzen konnten. Diese werden für ihre Taten geradestehen müssen, wenn nicht hier, so in der anderen Welt, wo niemand sie preisen wird. Sie gehen in ihre Dunkelheit und messen gegenseitig, ob ihre Bärte die richtige Länge haben, und dann peitschen sie sich aus, und das ist ihre Welt, da sind sie richtig.

Wir denken an die Opfer, oft junge Studentinnen und Studenten, die hier eine andere Welt wollten. Zitieren wir aus dem Buch Parvaneh heißt Schmetterling, das Chandortt Djavann vor 20 Jahren veröffentlicht hat. Sie lebte in Paris und wollte mal wieder nach Teheran, ihre Heimat. Es muss um das Jahr 1998 gewesen sein, als sie die kleine Parvaneh traf.

Sie entsprang dem Hügel wie ein Quell des Lebens, ein Wasserfall. Sie stürzte den Abhang hinunter und kam mir rasender Geschwindigkeit auf uns zugerannt. … Dann stand sie in ihrer einmaligen Schönheit vor uns. Ein paar rebellische Haarsträhnen hingen ihr wild ins Gesicht, obwohl das Kopftuch fest unter dem Kinn verknotet war. 

Eine weitere Begegnung:

Auf der anderen Seite erstreckte sich eine kleine Steppenlandschaft. Dort war Parvaneh mit anderem Kindern. … Schon stand sie lächelnd wie der Sonnenschein vor mir. Erfreut über ihre Anwesenheit, studierte ich die Harmonie ihrer Schönheit. Die wüstenfarbene Haut. Die kleine stolze Nase. Die feinen, gleichmäßigen Gesichtszüge, die noch von kindlicher Frische zeugten. Ihre Augen, die schönsten, die ich je sah, drückten eine unbezwingbare Kraft aus. Man konnte ihrem Blick weder ausweichen noch standhalten. Dieses kleine Mädchen war die Schönheit in Person. Ihre ärmlichen, abgewetzten Kleider, ihr schwarzes Schultertuch und ihre verwahrloste Erscheinung ließen auf mangelnde mütterliche Fürsorge schließen und unterstrichen ihre Schönheit noch. 

Sie sagte, vor den Pasdaran, den Revolutionsgarden, habe sie keine Angst; sie könne schneller laufen als sie.

Dann aber, zwei Tage später, ruft ihnen ein Junge zu: »Parvaneh ist tot! Parvaneh ist tot!«

Wir waren wie vom Blitz getroffen. … Die Kinder hatten auf dem Hügel gespielt. Als die Pasdaran auftauchten, rannten sie fort. Parvaneh stürzte. Sie holten sie ein. Sie wehrte sich und beleidigte sie. Sie erschlugen sie mit ihren Stöcken.  

 

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