Ein Malheur

Ungeachtet des Titels, der etwas Unglückliches verheißt, wollen wir heute Hoffnung spenden. Den genannten Titel gab Anton Tschechow einer kleinen Geschichte, die in dem vergilbten Goldmann-Sammelband Von der Liebe zu finden war, und es ist die einzige Geschichte darin, die gut ausgeht. Darum habe ich sie ausgewählt.

Gestern hatten wir ja Dostojewski erwähnt. Russland hatte und hat so großartige Schriftsteller, die verdientermaßen geehrt wurden, aber das Land ist unglücklich, lebte im 19. Jahrhundert unter der Knute des Zaren, fiel nach der Revolution in die Hände des unerbittlichen, paranoiden Stalin, wonach andere Betonköpfe kamen (Chrustschow jedoch war ein Guter, meine ich), bis Jelzin und Gorbatschow, der Unvergessene, ein Tauwetter einleiteten, das Putin wieder einfrieren ließ, da er machthungrig ist und der alten Sowjetunion nachtrauert. Doch die russische Literatur wird bleiben.

Anton Pawlowitsch Tschechow ist ja hier in der Nähe, in Badenweiler, Mitte Juli 1904 gestorben, mit 44 Jahren, also etwas älter als Kafka und an derselben Krankheit: Tuberkulose. Seine Theaterstücke werden immer noch aufgeführt, und in ihnen zeigt sich der russische Mensch unverfälscht: problembeladen, redselig, leidenschaftlich, selbstquälerisch.

Im Malheur ist da Ssofja Petrowna Lubjanzew, 25 Jahre alt, verheiratet mit einem Notar und Mutter einer kleinen Tochter. Sie geht spazieren mit dem Rechtsanwalt Iwan Michailowitsch Iljin und fleht ihn an, er möge sie nicht verfolgen. Sie liebe ihren Mann und ihre Tochter, nichts zu machen, ob sie nicht gute Freunde bleiben wollten? Denn Iljin liebt Ssofja Petrowna rasend. Er sagt, er selber halte sein Benehmen für »verbrecherisch und unmoralisch«. Doch was kann man tun gegen die Liebe? Fünf Mal wollte er abreisen, fünf Mal trieb es ihn wieder zurück, obschon keine Hoffnung ist. Er hasse und verachte sich selbst! Er sagt:

Sagen Sie doch, wie soll man gegen den Wahnsinn kämpfen?

Und er wirft ihr vor, sie sei etwas unaufrichtig, ihre Zurückweisung nicht überzeugend … Tschechow lässt uns auch am Gefühlsleben der jungen Frau teilhaben, die es natürlich genießt, bewundert und angebetet zu werden von einem klugen Mann.

»Ich liebe Sie!« stammelte er, seine Augen ihren großen, erschrockenen nähernd. »Sie sind so schön! Ich leide jetzt entsetzlich, aber ich schwöre ihnen: Gern würde ich mein ganzes Leben lang an Ihrer Seite sitzen und dabei leiden, und in Ihre Augen blicken. Aber … schweigen Sie, ich flehe Sie an!«

Er umschlang ihre Knie und sprach leidenschaftlich und schön. Ssofja reißt sich los, der Zug kommt, sie muss ihrem Andrej das Essen richten, und im Haus spürt sie einen Wirrwarr von Gefühlen, freut sich nicht über den Gatten und denkt, warum er nur so schmatzen muss beim Essen. Dann, später, kommen Gäste, unter ihnen auch Iwan Michailowitsch, der sie in einem unbeobachteten Augenblick anschwärmt:

»Ssofia, Ssofotschka … Liebste … Meine Liebe, meine Gute!« Vor Zärtlichkeit überfließend, warf er mit tränenerstickter Stimme die Liebesworte, eines zärtlicher als das andere, nur so hin. 

Sie solle aufrichtig sein und zu ihm kommen, heute oder morgen! Ssofja Petrowna reißt sich los und sagt, er sei wohl verrückt. Stimmt wohl. Später ist sie unruhig, geht nach draußen und beschließt, fortzureisen. Sie bittet ihren Mann, doch mitzukommen; der sagt: »Reise allein!« Dann das Geständnis:

Wenn du mit mir nicht mitkommst, riskierst du, mich zu verlieren! Ich glaube, ich bin schon verliebt!

In wen? fragt der Gatte. Das könne ihm wohl gleich sein, erwidert sie. Ihr Mann spricht etwas matt über Ehebruch, zehn Minuten, dann wird er müde. Es ist spät, Ssofja wirft sich einen leichten Umhang um. Dann die Entscheidung:

»Schläfst du schon? Ich gehe noch etwas an die Luft … Kommst du mit?« 
Das war ihre letzte Hoffnung. Sie bekam von ihm keine Antwort und ging hinaus. Draußen war es windig und kühl. Sie fühlte aber weder den Wind noch die Dunkelheit und ging, ging … Eine unüberwindliche Macht trieb sie vorwärts, und wäre sie stehengeblieben, so hätte sie wohl einen Stoß in den Rücken verspürt. 
»Verworfene!« murmelte sie mechanisch: »Elende!«
Der Atem stockte ihr, sie verbrannte vor Scham und hörte ihre eigenen Schritte nicht, aber das, was sie vorwärts stieß, war mächtiger als Scham, als Vernunft, als Angst … 

 

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