Vielleicht Liebe

Vieles könnte man nun noch anführen (morgen noch ein letzter Artikel), doch wir begnügen uns mit einem etwas elegischen Beitrag: über die Liebe. Die Lager sind Vergangenheit, doch gelitten wird vielerorts, sei es unter der Trauer über einen getöteten Angehörigen im Iran, sei es, dass sich jemand isoliert fühlt und nicht mehr ein noch aus weiß. Alle sind unsere Nächsten.

In dem Film Zeugen von 1981 über die Todeslager, der gestern erwähnt worden war, sagte

Antonia N.
Liebe – was heißt – die ganze Liebe war, dass ein Mensch geholfen hat dem anderen. Wenn jemand hat etwas, ein Stückchen Brot, einem anderen geben können, war das eine Liebe. Nur zu helfen einer dem anderen.
Und zum Beispiel die Leute, die zusammen gearbeitet haben und zusammen gewohnt – also, auf einem Bett waren sechs Mädchen, es waren drei Schichten, unten, oben, und – Und die Mädchen, die zusammen geschlafen haben, waren wie eine Familie, wie Schwestern. Immer hat man gesagt: eine Lagerschwester – eine hat gekämpft für die andere. Und das war die Liebe, die sein konnte, nur eine der anderen helfen. Andere Sachen weiß ich nicht …

Imre Kertész schrieb in seinem Roman eines Schicksallosen über die Zeit, als er, krank, wieder in Birkenau eingetroffen war.

Ich jedoch, daran war kein Zweifel, lebte noch, wenn auch flackernd, ganz hinuntergeschraubt gewissermaßen, aber etwas brannte noch in mir, die Lebensflamme, wie man so sagt – andererseits war da mein Körper, ich wusste alles von ihm, nur war ich selbst irgendwie nicht mehr in ihm drin. … aber all das berührte mich nicht wirklich, interessierte mich nicht, es beeinflusste mich nicht mehr, ja, ich darf sagen, dass ich mich schon lange nicht mehr so leicht, so friedlich, fast schon verträumt, um es rundheraus zu sagen: so angenehm gefühlt hatte.

Nach so langer Zeit war ich zum erstenmal endlich die Qual der Gereiztheit los: die Körper, die an mich gepresst waren, störten mich nicht mehr, irgendwie war es eher, dass sie bei mir waren, mir so vertraut und dem meinen so ähnlich, und jetzt zum erstenmal erfasste mich ihnen gegenüber ein ungewohntes, regelwidriges, irgendwie linkisches, um nicht zu sagen ungeschicktes Gefühl – möglicherweise vielleicht Liebe, glaube ich. Und gleiches wurde mir von ihnen zuteil. (S. 203/204)

Viktor E. Frankl schrieb das bekannte Buch …trotzdem Ja zum Leben sagen. Er war mit anderen unterwegs.

Während wir so kilometerweit dahinstolpern, im Schnee waten oder auf vereisten Stellen ausgleiten, immer wieder einander stützend, uns gegenseitig hochreißend und vorwärtsschleppend, fällt kein Wort mehr, aber wir wissen in dieser Stunde: jeder von uns denkt letzt nur an seine Frau … mein Geist ist erfüllt von der Gestalt, die er in jener unheimlich regen Phantasie festhält, die ich früher, im normalen Leben, nie gekannt hatte. Ich führe Gespräche mit meiner Frau. Ich höre sie antworten, ich sehe sie lächeln, ich sehe ihren fordernden und ermutigenden Blick, und – leibhaftig oder nicht – ihr Blick leuchtet jetzt mehr als die Sonne, die soeben aufgeht. 

Da durchzuckt mich ein Gedanke: Das erstemal in meinem Leben erfahre ich die Wahrheit dessen, was so viele Denker als der Weisheit letzten Schluss aus ihrem Leben herausgestellt und was so viele Dichter besungen haben: die Wahrheit, dass Liebe irgendwie das Letzte und das Höchste ist, zu dem sich menschliches Dasein aufzuschwingen vermag. Ich erfasse jetzt den Sinn des Letzten und Äußersten, was menschliches Dichten und Denken und – Glauben auszusagen hat: die Erlösung durch die Liebe und in der Liebe! (S. 63)

Weiter hinten denkt er über den Sinn nach und meint,

dass es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf, was das Leben von uns erwartet!

Das Leben hat keinen objektiven Sinn, wir brauchen nicht danach zu fragen. Den Sinn geben wir ihm selber, indem wir die Aufgaben erfüllen, die vor uns liegen. Jeder Mensch ist einzigartig und hat seine individuellen Prüfungen.

 

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