Selektion
Vergebt mir, es müssen doch noch 2 Artikel zu dem Thema sein, da Auschwitz gestern vor 80 Jahren befreit wurde. Nach ein paar Jahren Pause liest man wieder einmal in einigen Büchern und ist so entsetzt und abgestoßen, als wär’s das erste Mal. Im Osten Polens, weit weg, baute man die Vernichtungslager, und Güterzüge transportierten ab 1942 unentwegt Menschen dorthin.
Primo Levi schrieb 1986, für die Jugendlichen sei das eine »Sache der Großväter«, also »historisch«. Sie seien mit den dringlichen Problemen »von heute« beschäftigt. Das war 1986, 40 Jahre nach der Befreiung. Heute ist immer heute: Und heute, noch einmal 40 Jahre weiter? Wirken diese Geschichten wie etwas aus der Prähistorie?
Neben Sonderbehandlung war Selektion ein weiteres schreckliches Wort der Nazis. Es bedeutet Auswahl. Der Zug, vollgestopft mit dürstenden, hungrigen, übermüdeten Menschen hielt in Auschwitz-Birkenau an. Die Türen wurden aufgerissen, und da warteten schon SS-Leute mit Hunden, und hinter ihnen standen zahlreiche Lastwagen. Als Levi, der 24-Jährige, dort mit 650 Leidensgenossen ankam, fragten sich die Bewacher mit schlechtem Italienisch rasch durch: »Krank? Gesund? Du arbeiten können?« 96 Männer und 29 Frauen kamen in Arbeitstrupps, die anderen – Frauen, Kinder, Alte – wurden von der Nacht verschluckt. Von diesen über 500 Menschen war 2 Tage später keiner mehr am Leben, sie endeten »im Gas«. Levi:
Wir wissen auch, … dass später oft das einfache System angewandt wurde, nämlich ohne Ankündigungen oder Anweisungen an die Neuankömmlinge beide Waggontüren zu öffnen. Ins Lager kamen diejenigen, die der Zufall auf der einen Seite des Transportzugs aussteigen ließ, ins Gas kamen die andern.
Doch die echte Selektion war ernst und lag in der Hand eines Arztes. In Birkenau war dies Dr. Mengele, der sich zum Herrn über Leben und Tod aufspielte.
Nun einige Aussagen von Überlebenden, die für die Filme Zeugen (1) und Zeugen (2) befragt wurden. Die beiden Filme liefen im März und November 1981 im deutschen Fernsehen. Das Buch darüber schrieb Karl Fruchtmann.
Menasche R.
Mein Vater und mein Bruder, der auch nicht mehr da ist, sind mit mir in einer Reihe gegangen. Der Vater war ein kerngesunder Mann, ein Eisenhändler und ein sehr starker Mann. Und als wir bei Mengele angekommen sind, hat Mengele gefragt: »Wie alt bist du denn, Jude?« Da hat er gesagt: »54 Jahre.« Da sagt der: »Du gehst nach links.« Sagt er: »Ich bin ein sehr guter Arbeiter, bin Eisenarbeiter!« Sagt er: »Du gehst nach links!« Und so haben wir den Vater verloren.
(…)
Oft und überwiegend hat er gar nicht gesprochen, er hat mit dem Finger gezeigt oder mit dem kleinen Stock, den er in der Hand gehabt hat.
(…)
Wir haben es kaum geglaubt, aber einige Stunden später, als man uns in einer Reihe aufgestellt hat, haben wir gesehen, dass nur Menschen, die noch zur Arbeit fähig sind, in die Reihe gestellt worden waren. Alle anderen – es standen dort Autos, und man hat sie gezwungen, auf die Autos zu steigen, und später erfuhren wir, dass sie gleich ins Krematorium gekommen sind.
Arieh Ben-M.
Als ich durch die Selektion durchgegangen bin, da wusste ich gar nicht, dass das eine Selektion ist. Wir haben nur gesehen, dass manche Leute nach links gehen und manche nach rechts gehen. Und so ein schön angezogener SS-Mann mit Handschuhen, der hat mit den Handschuhen nach links oder nach rechts gezeigt, und die Leute sind hierhin und dorthin gegangen.
Wozu? Damals habe ich das nicht gewusst. Und doch haben wir gefühlt, dass etwas nicht in Ordnung ist.
Isaak G.
Links war der Weg zum Ofen, und rechts ging es in die Baracken.
Varda Z.
Bald haben wir bemerkt, dass auf die eine Seite die Frauen mit den Kindern gegangen sind, und da wussten wir schon – dort ist der Tod. Frauen und schwangere Frauen und Kinder und ältere Menschen, das ist – das ist schon – das ist der Tod.
(Karl Fruchtmann, Zeugen. Aussagen zum Mord an einem Volk. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1982, S. 46-47)
Der Herr über Leben und Tod.
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