Unterbrochenes/Unterbrechungen

Der Valentinstag ist zwar vorbei, aber nichts hindert uns daran, den Valentin nochmal zu bemühen. Einmal im Jahr ist wirklich zu wenig für diesen Komödianten und Philosophen. Es passt motivisch auch zu gestern, lasst euch überraschen. Ist auch ein wenig penetrant, doch das gehört dazu.

Unterbrechungen 

(geschrieben 1941)

 

HERR N. N.: Wie gesagt, meine Frau, die Sie sehr gut kennen, hat …
VALENTIN: Verzeihen Sie, dass ich unterbreche …
HERR N. N.: Bitte! 
VALENTIN: Weil Sie grad von Ihrer Frau sprechen, meine Frau wollte sich gestern einen neuen Hut kaufen, geht in ein Geschäft hinein …
HERR N. N.: Verzeihen Sie, dass ich Sie unterbreche … 
VALENTIN: Bitte!
HERR N. N.: Weil Sie soeben von einem Geschäft sprechen, Sie kennen doch das Geschäft in der Bahnhofstraße, neben dem Radiogeschäft …
VALENTIN: Verzeihen Sie, dass ich Sie unterbreche …
HERR N. N.: Bitte! 
VALENTIN: Weil Sie grad von einem Radio sprechen, seit mehr oder 5 Jahren hat mein Radio tadellos funktioniert. Gestern schalte ich ein, ist gerade die Stunde der Gymnastik, und ich …
HERR N. N.: Verzeihen Sie, dass ich Sie unterbreche …
VALENTIN: Bitte!
HERR N. N.: Weil Sie von Gymnastik sprechen, mein Neffe, ein strammer aber etwas kränklicher Mensch, ging zum Hausarzt und liess sich … 
VALENTIN: Verzeihen Sie, dass ich Sie unterbreche … 
HERR N. N.: Bitte! 
VALENTIN: Weil Sie soeben vom Hausarzt sprechen, mein Hausarzt wohnt zufällig im selben Haus, in dem ich wohne,ich hatte einen furchtbaren Husten, er untersuchte mich .. 
HERR N. N.: Verzeihen Sie, dass ich Sie unterbreche … 

Bitte! – N. N. erwähnt die Frau Haberstroh, die Valentin zum Stroh bringt, und dann geht es vom »einschlafen« zum elektrischen Herd und von dort zur »Elektrischen«, und irgendwann ist Herr N. N. vor seinem Geschäft und hat keine Zeit mehr. – So laufen Gespräche eben ab, nur dass man heute nicht mehr unterbricht, sondern den andern ausreden lässt, wonach man eine eigene Anekdote beisteuert, und während der andere wieder fortfährt, blinkt es schon im eigenen Hirn, etwas wurde angetriggert, und man  wird sofort den nächsten Schwank aus seinem Leben los. Jeder lauert, wie er zu seinem Recht komme, jeder wird bloß zum Stichwortgeber des anderen, der es kaum erwarten kann, etwas »loszuwerden«, und so werden eigentlich zwei Monologe gehalten, die sich kaum überschneiden. Sie »reden aneinander vorbei«.

Schöner ist es freilich, wenn beide an einem Thema dranbleiben und sich von der persönlichen Ebene freimachen, um eine Ebene weiter oben zu betreten, von der aus man zu einem (freilich immer vorübergehenden) Ergebnis kommen kann, was ein Erfolgserlebnis darstellt und wonach man sich zufrieden trennen kann.

 

Oben rechts: Karl Valentin (links) und Weiß Ferdl, Berlin, 1936. Wikimedia Commons. Fotograf: Willy Pragher (1908-1992)
Links: Zwei Männer im Gespräch. Von Angelo Rizzuto (1906-1967). Dank an die Library of  Congress.  

 

 

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