Zum Valentinstag: Abgebrochenes
Heute ist Valentinstag, bei manipogo seit 6 Jahren Ort für einen Beitrag von Karl Valentin (2 hatten wir schon früher). Heute geht es um Abgebrochenes und vermeintlich Abgebrochenes, und Valentin, der Meister der Situationskomik und des Wortwitzes, zeigt sich auch auf schlüpfrigem Terrain standfest, und ein wenig Zweideutiges mag am Valentinstag sein.
Mein Freund Helmut sagt: »Valentin ist ein Philosoph, der unter der falschen Flagge des Komikers segelt«. Der untenstehende Beitrag ist nun wirklich komisch, doch in den verlinkten Beiträgen findet man genügend Philosophisches. Er wird unterschätzt.
Zuerst eine Hinführung. Ein vermeintlich Abgebrochenes. In der Filmszene Hausmeisters-Ehepaar gesucht geht Herr Pfafferl zu dem Kommerzienrat Winkler, um sich in dessen Büro ein Darlehen zu erbitten. Das Dienstmädchen lässt ihn eintreten. Der Kommerzienrat sitzt an einem prunkvollen Schreibtisch mit Telefon.
PFAFFERL (Tritt schüchtern in das prunkvolle Arbeitszimmer) Guten Morgen. Herr Kommerzienrat!
KOMMERZIENRAT: Guten Morgen! Was führt Sie zu mir? (Pfafferl steht vor dem Schreibtisch, vis-à-vis von dem Kommerzienrat und lässt vor Aufregung seinen Schirm fallen, hebt denselben wieder auf und vermisst den Hakengriff am Schirm, weil er den Schirm verkehrt in der Hand hält, also den Griff nach unten).
PFAFFERL: Jetzt ist mir der Griff von meinem Schirm abgebrochen (Sucht danach).
KOMMERZIENRAT: Da unten ist der Griff. Sie haben den Schirm verkehrt in der Hand.
PFAFFERL: Stimmt. Bitte vielmals um Entschuldigung!
(…)
Nun das Hauptstück: ein Auszug aus der Komödie Kaspar Hauser von Valentin und Liesl Karlstadt (1936). Der Schreinermeister hat gerade seinen ungeschickten Lehrling Alisi verarztet, da kommt eine Kundin.
DIENSTMÄDCHEN: Grüss Gott, Herr Schreinermeister, mir is was passiert.
MEISTER: No, no, werd net so g’fährlich sein.
DIENSTM: D’Herrschaft is verreist, i staub heut im Salon alles ab, rutscht mir von dem altdeutschen Schrank der kleine holzgeschnitzte Engel aus der Hand und direkt am Boden und –
MEISTER: Au wei, san d’Flügerl abbrochen?
DIENSTM: Na, d’Flügerl net –
MEISTER: Was nacha, d’Fuasserln?
DIENSTM: A net …
MEISTER: Da Kopf?
DIENSTM: A net …
MEISTER (besinnt sich): Da Arm?
DIENSTM: Na, dös daratens ja doch net.
MEISTER: Wieso derraten? An Bauch kann er sich doch net brechen, der kloane Engel.
DIENSTM: Ich hab’s ja in dem Papier do drin (gibt dem Meister das Papier; dem Meister fällt aber das Ding heraus und unter die Hobelspäne)
MEISTER: Da is ja nix drinn?
DIENSTM: Na is wahrscheinlich rausg’fall’n.
MEISTER: So und in’d Hobelschoaten nei – was war’s denn eigentlich? (Sucht)
ALISI: Suachas was, was is eahna denn nuntergfall’n?
DIENSTM: A so a kleins ……. ach, da liegts ja (hebt es auf und gibt es dem Meister mit 2 Fingern in die Hand)
MEISTER (betrachtet es): Ah s’Naserl is abbrochen, des wer ma glei wieder hingleimt ham (will es hinleimen) Ja der hat ja sei Naserl, dös is ja gar net wegbrochen …
DIENSTM (deutet stumm verlegen auf die untere Stelle)
MEISTER: Ach so!!! (leimt es an) So jetzt gebn’s halt recht obacht – und langas ma net a, weil’s frisch gleimt is –
DIENSTM: Ja, i gib scho obacht – und was bin ich schuldig Herr Schreinermeister?
MEISTER: Ah wegen der Kleinigkeit? Gengas zua.
DIENSTM: Besten Dank! Pfüat Gott, Herr Schreinermeister.
(Die Geschichten stehen in Band 8 der Piper-Gesamtausgabe vom Valentin. Er heißt Das Aquarium: Filme und Filmprojekte, 2007)
Verwandte Artikel:
Karl Valentin und die Bäckersfee – Valentin kurz und knapp – Der junge Valentin und das Rad – Valentin und die neue Verkehrsordnung
