Guter letzter Rat

Der abenteuerliche Simplicissimus ist 1668 erschienen. Geschrieben hat ihn Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen, geboren 1622 in Gelnhausen, gestorben 1676 in Renchen im Nordbadischen, wo er zuletzt Schultheiß war und damit seine Familie mit zehn Kindern ernährte. Den Simplicissimus lese ich gerade, 720 Seiten ist er dick. 

Manchmal ist er richtig rührend, manchmal philosophisch und auch moralisch – aber was heißt dieses Wort, wenn man damals die Exzesse der Soldateska im Dreißigjährigen Krieg miterleben musste; und »Exzesse« ist auch abstrakt: Frauen wurden vergewaltigt, Männern goss man Ekliges in die Kehle oder erschlug sie gleich, Dörfer brannte man nieder. Da zweifelt man am Menschen an sich.

Der kleine Simpel kann gerade noch entrinnen, doch sein Dorf geht drauf und seine ganze Familie wird ermordet. Der Zehnjährige geht in den Wald und trifft auf einen »Einsiedel«, der adelig ist, aber auf sein Erbe verzichtete, um Gott zu leben. Dieser Mann mit Bart und härener Kutte unterrichtet den Jungen, bringt ihm Lesen und Schreiben bei und alles, was man so braucht, um die Welt zu verstehen.  (Links ein Bild von Samuel Birmann, 1793-1847: ein Kapuziner in der Eremitage von Arlesheim)

Dann, zwei oder drei Jahre später, geht der Eremit plötzlich weg und gräbt ein Grab. Er gräbt sich sein Grab, denn er weiß, er muss sterben. Er legt sich zur Probe hinein. Der kleine Simpel ist untröstlich. Gott rufe ihn, erklärt der Einsiedler, und wer wolle schon länger als nötig in diesem Jammertal verbleiben? Er gibt dem Jungen einen wichtigen Ratschlag mit:

Folge anstatt deines unnützen Geschreis meinen letzten Worten, welche seind, dass du dich je länger je mehr selbst erkennen solltest, und wenn du gleich so alt als Methusalem würdest, so lass solche Übung nicht aus dem Herzen, denn dass die meisten Menschen verdammt werden, ist die Ursach, dass sie nicht gewusst haben, was sie gewesen, und was sie werden können oder werden müssen.

Das ist es! Schon 2000 bis 3000 Jahre zuvor lehrte man das. Tat twam asi sagten die Hindus, das bist du, finde es heraus! Und Erkenne dich selbst stand am Tempel von Delphi. Die Sufis, diese Mystiker, meinten: Wer sich selbst kennt, der kennt seinen Schöpfer. Auch heute sagen Berater und Medien, wir sollten an uns arbeiten und die besten Versionen von uns selbst werden, das sei der Sinn. Und seine Aufgabe finden. (Rechts die Aufschrift auf Griechisch: Erkenne dich selbst!)

Der »Einsiedel« rät dem Simpel, den er mit Liebster Sohn anspricht, noch, böse Gesellschaft zu meiden und sagt:

Vor allen Dingen bleibe standhaftig, denn wer verharret bis am End, der wird selig, geschehet aber wider mein Verhoffen, dass du aus menschlicher Schwachhet fällst, so stehe durch ein rechtschaffene Buß wieder auf.

Dann sagt er In deine Hände befehle ich meinen Geist und entschläft.

Gesprochen hat er wie ein guter Priester. Wer fehlgeht, wird nicht verdammt. Ein Neuanfang ist immer möglich. Und dem kleinen Simpel gelingt es, er geht zum Pfarrer, wird an den Fürstenhof verwiesen, lernt hinzu und kommt durchs Leben.

 

 

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