Der Urlaub
Mein Freund Helmut hatte die Mozart-Biografie von Wolfgang Hildesheimer (1916-1991) lobend erwähnt, und da fiel mir ein, dass ich Lieblose Legenden von ihm im Regal stehen hatte. Reingelesen und in dem Band mit Erzählungen eine gefunden, die unbedingt nacherzählt werden muss. Muss!
Lieblose Legenden wurden zum ersten Mal 1952 veröffentlicht und entwickelte sich zu einem Klassiker der deutschen Nachkriegsliteratur. Da steht sein Autor in einer Reihe mit Beckett, Ionesco und Eich. Das ist herrlich surreal, und Hildesheimer (auch ein Pfeifenraucher!) erfindet gern Gestalten und stellt sie so dar, als hätten sie Kontakt zu historischen Personen gehabt. Hätte ja sein können! (In der Geschichtsschreibung nennt man das Verfahren, Faktenlücken mit Phantasie zu füllen, »conjectural history«.) Manche seiner ersten Sätze sind brillant:
Eines Abends saß ich im Dorfwirtshaus vor (genauer gesagt hinter) einem Glas Bier, als ein Mann gewöhnlichen Aussehens sich neben mich setzte und mich mit gedämpft-vertraulicher Stimme fragte, ob ich eine Lokomotive kaufen wolle. (»Eine größere Anschaffung«)
Köstlich auch die Geschichte des gefeierten Dichters Sylvan Hardemuth, der eigentlich Alphons Schwerdt hieß. Dieser griff mit ätzenden Kritiken zeitgenössische Dichter so vehement an, bis diese verstummten. Er hatte nun keine Feinde mehr, also schrieb er unter dem Namen Hardemuth Gedichte, die er postwendend als Schwerdt abqualifizierte. Irgendwann begann das Publikum, die Hardemuthschen Gedichte zu lieben, und so wurde er zum unwilligen Dichterstar.
Noch ein erster Satz, als Überleitung zu unserer Urlaubs-Geschichte.
Böse Zungen, oder vielmehr deren Besitzer – und ich sehe sie dabei hämisch lächeln – behaupten, dass ich an einem Buch über Kafka schreibe. Diese Anschuldigung trifft nicht zu, ich weise sie zurück. (»Ich schreibe kein Buch über Kafka«)
Ich hatte ja in meinem Kafka-Beitrag im Januar eine Kurzgeschichte von Dr. K. abgedruckt. Hildesheimers Der Urlaub ist damit entfernt verwandt.
Adrian bekommt einen Anruf von Mariella: Sie lade ihn heute zu einer Abendgesellschaft ein. Adrian sagt zu, kleidet sich an und fährt mit dem Fahrrad zur 5 Kilometer entfernten Bahnstation. Von dort eine Stunde mit dem Zug. Die Kirchturmuhr zeigt eine frühe Stunde an … später fällt ihm ein, dass sie ja defekt ist. (Der Autor baut Details ein, die sich dann addieren und das Gefühl der Seltsamkeit verstärken.) Ein Zug steht auf dem Fahrplan, doch er wartet vergebens. Erfährt, dass dieser nur am Sonntag im Sommer verkehrt. Der nächste ist um 17.55 Uhr. Adrian geht ins Gasthaus und bestellt ein Mahl. Er speist, liest, trinkt ein paar Enziane und hat plötzlich keine Lust mehr auf den Zug. Er nimmt sich ein Zimmer. Ist ein kleiner Urlaub! freut er sich. Am nächsten Morgen liegt tiefer Schnee. Der Bahnverkehr ist eingestellt.
Adrian will Mariella anrufen, doch die Telefonzelle, die er kannte, ist fort. Zwei Tage später schlendert er wieder durch den fast verlassenen Ort. Auch sie werde bald weggehen, sagt die Wirtin. Der Bahnschalter ist geschlossen. Arbeiter teilen ihm mit, wegen mangelhafter Auslastung sei der Bahnhof geschlossen worden. Adrian gerät in Panik. Er holt sein verdrecktes Rad aus dem Schuppen und fährt 3 Stunden in die Stadt. Läutet stürmisch und begrüßt sie schwach: »Mariella!« Sie strahlt.
»Wie immer der Letzte!« sagte sie lächelnd und küsste ihn, »wir warten schon alle auf dich. Übrigens siehst du aus, als solltest du dich erst einmal waschen. Aber beeile dich! Das Essen wird soeben aufgetragen.«
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