Hölderlins Lied der Liebe
Friedrich Hölderlin kam bei manipogo noch gar nicht richtig vor. Zu griechenlastig, zu schwermütig, zu schwärmerisch, dachte ich immer. Aber warum nicht sein Loblied auf die Liebe bringen, da geht es ab und wie! So hat man vor 200 Jahren gedichtet und gedacht. Heute sind wir so pragmatisch und vernünftig geworden; zu vernünftig.
Sagten nicht alle TestpilotInnen, in dieser Welt gehe es nur um eins: um die Liebe? Das wussten wir aber auch schon so, seit Buddha und seit Jesus Christus, eigentlich seit Anbeginn der Welt.
Hölderlin, 1770 geboren, wurde als Theologe ausgebildet und arbeitete vorzugsweise als Hauslehrer, auch mal im Thurgau und in Bordeaux. Von dort kehrte er verwirrt nach Stuttgart zurück und musste erfahren, dass Susette Gontard gestorben war, die Frau eines Freundes, in dessen Haushalt in Frankfurt er gearbeitet hatte. Sie hat er vermutlich geliebt. Es wird seine einzige Affäre gewesen sein, die gewiss platonisch blieb.
1807 brachte man wegen seines psychischen Zustands in die Universitätsklinik Tübingen, wo er von Justinus Kerner behandelt wurde. Danach quartierte er sich für die zweite Hälfte seines Lebens in einem Turm am Neckar ein, der später als Hölderlinturm bekannt wurde (ich war auch schon mal dort). Dort dichtete er, zuweilen unter Fantasienamen. Wikipedia schreibt:
Hölderlin starb am 7. Juni 1843 um Mitternacht bei weitgehender körperlicher Gesundheit.
Was das nun heißen soll, weiß ich nicht. Er war ja 73 Jahre alt, und das war viel für die damalige Zeit. Hölderlin war einer der größten deutschen Lyriker, den man neben Heine und Goethe nennen kann.
Lied der Liebe
Engelfreuden ahnend, wallen
Wir hinaus aus Gottes Flur,
Wo die Jubel widerhallen
In dem Tempel der Natur;
Heute soll kein Auge trübe,
Sorge nicht hienieden sein.
Jedes Wesen soll der Liebe
Wonniglich, wie wir, sich freun.
Singt den Jubel, Schwestern, Brüder!
Festgeschlungen! Hand in Hand!
Singt das heiligste der Lieder,
Von dem hohen Weserband!
Steigt hinauf am Rebenhügel,
Blickt hinab ins Schattental!
Überall der Liebe Flügel,
Wonnerauschend überall!
Liebe lehrt das Lüftchen kosen
Mit den Blumen auf der Au,
Lockt zu jungen Frühlingsrosen
Aus der Wolke Morgentau;
Liebe ziehet Well‘ an Welle
Freundlich murmelnd näher hin,
Leitet aus der Kluft die Quelle
Sanft hinab ins Wiesengrün.
Berge knüpft mit eh’rner Kette
Liebe an das Firmament,
Donner ruft sie an die Stätte,
Wo der Sand die Pflanze brennt;
Um die hehre Sonne leitet
Sie die treuen Sterne her,
Folgsam ihrem Winke gleitet
Jeder Strom ins weite Meer.
Liebe wallt in Wüsteneien,
Höhnt des Dursts im dürren Sand,
Sieget, wo Tyrannen dräuen,
Steigt hinab ins Totenland;
Liebe trümmert Felsen nieder,
Zaubert Paradiese hin,
Schaffet Erd‘ und Himmel wieder
Göttlich, wie im Anbeginn.
Liebe schwingt den Seraphflügel,
Wo der Gott der Götter wohnt,
Lohnt den Schweiß am Felsenhügel,
Wenn der Richter einst belohnt,
Wenn die Königsstühle trümmern,
Hin ist jede Scheidewand,
Adeltaten heller schimmern,
Reiner, denn der Krone Tand.
Mag uns jetzt die Stunde schlagen,
Jetzt der letzte Odem wehn!
Brüder! drüben wird es tagen,
Schwestern! dort ist Wiedersehn;
Jauchzt dem heiligsten der Triebe,
Die der Gott der Götter gab,
Brüder! Schwestern! jauchzt der Liebe!
Sie besieget Zeit und Grab!
Das ist Leidenschaft! Und immer denkt der Dichter auch an die Schwestern, statt nur die Brüder hervorzuheben; das ist nicht selbstverständlich. Und der letzte Absatz ist natürlich ein perfekter Abschluss: Brüder! drüben wird es tagen; Schwestern! dort ist Wiedersehn.
