Fünf Jahre
Heute vor 5 Jahren ist unsere Mutti gestorben. Komisch, wenn jemandem ein nahestehender Mensch gestorben ist, hat man das Gefühl, die Zeit vergehe schneller. Hui, sind also 5 Jahre vergangen. Wir denken noch an sie. Wenn ich (einmal im Jahr) in der Kirche bin, fällt mir der Gottesdienst im Altenheim damals ein, als ich sie stets an der Hand hielt.
Ich höre aber nichts von ihr. Außer den vier Malen, als ich meinen Namen im Halbschlaf hörte, den sie mir wohl zurief (»Mani!«), war da nicht viel. Vor 2 Monaten, nach meinem Geburtstag, habe ich mal wieder von ihr geträumt. Sie saß neben mir am Tisch, und ich habe sie spontan ganz fest umarmt, was mich selbst überraschte, denn ich bin sonst nicht so spontan. – Einen schönen kleinen Film aus Japan über Mutterliebe gibt es, Itadakimasu. Mit englischen Untertiteln. Den schau ich mir heute mal an, das wird mir nahegehen. (Rechts: So hat mein Großvater seine junge Tochter porträtiert.)
Exakt ein Jahr darauf, vor 4 Jahren am 17. April, starb mein Schachpartner Oswin Link. Kürzlich fand ich einen Brief zu meinem Geburtstag von ihm, der mir »Guter Freund« überschrieben war. Ich stellte also mal wieder meine Schachfiguren auf, aber von Oswin habe ich nichts gehört. Er war ja behindert, und so wie Michael jetzt wieder sieht, kann sich Oswin auch wieder frei bewegen. Darüber freuen wir uns.
Hildegard Krüger, meine Vertraute im Pflegeheim, hat es knapp verpasst: Sie ging im vergangenen Jahr am 18. April hinüber, dem Karfreitag. Ihr verdanke ich übrigens das Buch Endloses Bewusstsein, das ich mir ausgeliehen hatte, ohne es wieder zurückzugeben. Und jedes Mal, wenn ich über den kleinen Prinzen und seine Rose lese, denke ich an Hildegard.
Und ist nicht unsere geliebte Künstlerin Christine Supersaxo auch im April von uns gegangen? Zwei oder drei Jahre mag das her sein. Schön war’s immer bei ihr in La-Chaux-de-Fonds, und sie war immer so fleißig, bewarb sich mit immer neuen Werken bei Ausstellungen. Man hört jedenfalls, dass Künstler dort drüben sehr glücklich sind.
Σ Υ Σ
Ich hatte im April oft aus Gedichten zitiert, die diesen Monat zelebrieren. Die berühmteste Zeile ist wohl »April is the cruellest month, breeding / lilacs out of the dead land, mixing / memories and desires, stirring / Dull roots with spring rain.« (Zitiert in April, Link unten, 2013 war das!)
Diesmal kommen ein paar Auszüge meiner italienischen Lieblingspoeten, Mario Luzi und Salvatore Quasimodo. Letzterer, der Sizilianer, schrieb das Gedicht »Das falsche und das wahre Grün«. Nur ein paar Passagen daraus, jedoch übersetzt. Seine Frau war nicht mehr da, Bice Donzetti; darum geht es. Die zweite Hälfte des Gedichts:
Regen von rauhen Blättern gelber Farbe,
Vögel aus Ruß. Andere Blätter
springen an Zweigen auf und entfalten sich
verwirrt: das falsche und das wahre Grün
des April, jenes entfesselte Grinsen
des gewissen Blühens. Und du blühst nicht
und schaffst nicht Tage noch Träume, die erstünden
in unserem Jenseits, du hast nicht mehr die Augen
eines Kindes und hast nicht mehr die zärtlichen Hände,
um mein Gesicht zu suchen, das mir entflieht?
Es bleibt die Keuschheit, Verse zu schreiben
ins Tagebuch oder einen Schrei in die Luft zu tun
oder hinein in dieses unglaubhafte Herz, das immer noch
mit der Zeit kämpft, der steinigen.
Und Mario Luzi, der Mann aus Florenz, der seinen Gedichten keine Titel gibt.
April, vagabundierendes Fest –
öffnet uns nach und nach
ihre weißen Barrieren,
nähert sich, ruft uns,
in ihrer gesättigten Luft
die numinose Ferne;
drückt uns eng an sich
mit ihrem glühenden Blühen,
lädt uns ein und begleitet uns,
sie, das unendliche Unterwegssein.
Immer schwierig, das letzte Wort lautet itineranza, das gibt’s im Wörterbuch gar nicht. Und der April scheint bei ihm weiblich zu sein. Zweifel gehören zum Übersetzen.
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