Wer zum Teufel ist Kafka?

Kommen wir nochmal zur Mutti zurück, die vorgestern vor 5 Jahren gestorben ist. Geboren wurde sie am 29. August 1929. Nun Koinzidenz: Lizzie Doron, die den Bestseller Who the Fuck Is Kafka geschrieben hat, ist am 29. August 1953 geboren, und die Mutter ihres palästinensischen Freundes Nadim, der sie das Buch widmete, auch an einem 29. August.

Und, daran kann ich noch daran erinnern, das Mädchen Faith aus Uganda, dem ich seit einigen Jahren die Schulbildung bezahle, kam auch am 29. August zur Welt, 2004 glaube ich. Das freut einen.

Nun zu Lizzie Doron und ihrem Buch. Es kam 2014 heraus und erzählt uns über die Besatzung und die Besetzten, denn die Jüdin lernt in Rom den Palästinenser Nadim Abu Heni kennen, und Cinecittà wird ihr Zauberwort, mit dem sie Frieden und Sorglosigkeit assoziieren. Das andere bedeutungsvolle Wort ist Kafka. Wie kam der Buchtitel zustande?

Lizzie und Nadim wollen gemeinsam einen Film drehen, und eine Abgesandte der EU, Michelle, hört sich ihre Geschichte an, in der es im Straßensperren und Behördenschikanen geht, um das Leben der Palästinenser, das man fast surreal nennen muss, und Michelle, die perfekte Frau im Chanel-Kostüm, murmelt fünf Mal: »Kafka«. Hinterher fragt Ramid Lizzie: »Wer zum Teufel ist Kafka?« Er hatte nie von ihm gehört. (Oben links ein in Prag entstandenes Foto: ein futuristisches Bürogebäude mit Reinemachefrau)

In Rom lernten sie sich kennen, wobei Nadim anscheinend ein erfundener Charakter ist, und sie haben Begegnungen, dann wieder viel Zeiten mit Pausen, bis sich schließlich andeutet, dass sie ein Buch schreiben wird, das indessen von Laila handeln würde, Nadims Frau. Er erweist sich da als typischer arabischer Mann, der sie am liebsten gar nicht auftauchen sehen würde. Er sagt:

Laila ist eine Königin. Sie bekommt alles von mir, was sie will oder braucht. 

Lizzie denkt: »Du Esel!« Und immer wieder »verschwand Laila wie eine Märchenfee. Die Wohnung verschluckte sie einfach.«.

Zu Lizzie sagt er:

Bleib hinter mir! Bei uns geht die Frau hinter dem Mann.

Noch ein paar Aussagen. – Lizzie:

Wir sind Feinde und werden immer Feinde bleiben, dachte ich. 
Ein Jude kann sich auf seine Phobien verlassen. Wir sind beide Opfer. 
Europäer sind sowieso antisemitisch und lieben die Palästinenser. 
Dass ihr Palästinenser immer die Guten seid! 
Der Staat Israel ist im Grunde eine psychiatrische Anstalt für posttraumatisierte Juden. 

Nadim:

Es heißt, die Palästinenser vermasseln immer alles. 
Palästinenser sind an Tränen gewöhnt.
Danke, dass du zugehört hast. Normalerweise schießt ihr doch gleich. 
Ich bin zum ersten Mal in der Wohnung von Juden.
Du hast noch nicht verinnerlicht, dass ich ein besetzter Mensch bin. 
Ich nehme an, ich habe dir schon gesagt, dass mein Leben aus einer einzigen Warteschleife besteht. 

Die einen werden unterdrückt, die anderen haben seit der Intifada Angst vor einem Sprengstoffattentat, in Palästina gibt es die radikale Hamas, in Israel die Orthodoxen, die jeglichen Kontakt zu Arabern für verbrecherisch halten, und da soll man normal leben können? Verrückt wird man dabei.

Aber: die Mütter. Seit neuestem trage ich um den Hals ein Amulett mit dem Jugendbildnis meiner Mutti. So ist sie immer bei mir.

Lizzie widmete Nadims Mutter ihr Buch, und am Ende hört sie plötzlich die Stimme ihrer eigenen Mutter:

»Viel Erfolg, mein Kind«, sagt sie, »mögen wir nur Gutes erfahren.«

 

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