Das Ministerium für Mitgefühl

In Berlin hatte ich vergangenen Herbst den Karuna Kompass mitgenommen, eine Zeitschrift für Obdachlose. Karuna heißt in den Sprachen des alten Indien Mitgefühl. Diese Zeitschrift lag da also rum, und jetzt komme ich dazu, über sie zu schreiben: besonders über das Ministerium für Mitgefühl.

Das Oktoberheft 2025 erwähnte die drei gelben Busse, die unter dem Namen KARUNA SUB jeweils am Dienstag, Mittwoch und Freitag regelmäßige Routen durch Berlin abfahren, zum Beispiel: 10.45 Lichtenberg, dann Ostbahnhof, Alexanderplatz, Bahnhof Zoo und zurück. Mein Berliner Freund Fritz, der im November ja auch erwähnt wurde, arbeitet ab und an in der Nacht in einem Obdachlosenheim.

Was Mitgefühl bedeutet, woher es kommt und wie man es stärkt, steht auch in der Zeitschrift. Wir aber kümmern uns um das Ministerium für Mitgefühl. Das sei, wie wir lesen, eine 2018 gegründete Kunstauktion. Der Karuna Kompass sprach mit der Ministerin, die sagte:

Wir als Ministerium für Mitgefühl haben uns 2018 gegründet. 

aus dem Karuna Kompass, Oktober 2025. Leider steht nirgends, von wem die bunten Grafiken sind

Wir? Wer denn die Ministerin sei?

Wir alle. Aktuell hat das Ministerium rund zehn aktive Mitglieder. … Manche kommen, andere gehen, und nicht alle können … immer aktiv sein. Daher bezeichnen wir uns alle als die Ministerin für Mitgefühl. Wir nehmen persönlich an Veranstaltungen teil, das aber anonym, als Ministerin. 

Sei die Ministerin für Mitgefühl immer weiblich?

Ja, beziehungsweise nicht cis-männlich, weil es genug cis-männliche Minister gibt. Im Grunde aber kann jede*r Ministerin für Mitgefühl sein, wenn er*sie sich dafür entscheidet. 

Es gab viele Projekte, und das Ministerium hat viele Texte verfasst für Situationen, in der mehr Mitgefühl nötig wäre, denn: »Mitgefühl hat keine Lobby.«  Die sozialen Medien werden vereinzelt genutzt, aber:

Uns gibt es nur im echten Leben.

Es gibt sogenannte Sprechstunden der Ministerin für Mitgefühl, um Menschen zusammenzubringen. Die Einladung erfolgt durch Institutionen, das Ministerium entwickelt zehn Fragen. Wichtig:

Alle Anwesenden sind mit ihrer Teilnahme automatisch Ministerin für Mitgefühl. Sie finden sich nach einer bestimmten Choreographie zu Paaren zusammen; es gibt Raum zum Nachdenken, Reden und Zuhören … Die meisten Menschen gehen mit einem Lächeln aus dem Austausch. Wir bekommen oft die Rückmeldung, speziell von älteren Menschen, dass ihnen schon lange nicht mehr zugehört wurde. Dadurch entsteht Nähe, und dass Menschen dieses Gefühl mitnehmen, das wünschen wir uns. 

Auf Instagram schilderte kürzlich ein griechischer Handwerker seine Erfahrung nach 15 Jahren Deutschland. Er habe es als kalt empfunden dort, es herrschte viel Konkurrenz, und er habe sich isoliert gefühlt. So ist das. Unsere Leute sind oft schlecht gelaunt und auf sich konzentriert. Die menschliche Wärme wie in Italien und Griechenland fehlt meist.

Zum Abschluss gab es noch den Versuch einer Definition:

Wir verstehen uns als Kollektiv aus kunstschaffenden Personen. … Wir machen, was wir in unserer Freizeit leisten können. … wir arbeiten nicht im Sinne einer praktischen Sozialhilfe. Wir wollen das Denken, die Sprache verändern. Wir wollen eine Gesellschaft, eine Politik, die vom schwächsten Mitglied aus gedacht wird und nicht vom stärksten. 

Weltweit wäre das zu verlangen. Die Politiker haben meist vergessen, für wen sie da sind. Und die Kirchen kommen mit ihrem sinkenden Einfluss nicht zurecht, die Kleriker sind kleinmütig geworden, und so fehlt es allerorten an Plädoyers für Mitgefühl.

Wer Interesse an einer Sprechstunde der Ministerin für Mitgefühl habe, könne sich über die Karuna-Website melden. Im Anhang zum Interview steht, das Ministerium freue sich besonders über Anfragen von Bibliotheken, Rathäusern, Behörden, Museen, Schulen und Universitäten.

 

 

 

 

 

 

 

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