Cycling Cities

In dem neuen Film Cycling Cities stellt Ingwar Perowanowitsch  fünf europäische Traumstädte für Radfahrer vor. Wir haben in Deutschland Freiburg, Tübingen und Marburg, Hamburg macht auch Fortschritte, doch die meisten sind himmelweit von diesen 5 wunderbaren Städten weg, von denen zwei im Fahrradparadies der Niederlande liegen.

Am Anfang des Films, der auf Youtube zu sehen ist, steht Ingwar mit seinem Rad auf dem Freiburger Schlossberg. Und dann fährt er los, erst Richtung Westen.

Sein erstes Ziel ist Paris, das Bürgermeisterin Anne Hidalgo in den 12 Jahren ihrer Amtszeit kräftig umgestaltet hat. Dieses Jahr jedoch sind Wahlen, und sie kann nicht mehr antreten. Seit 2014 wurden eine Menge Bäume gepflanzt und neue Fußgängerzonen geschaffen. Damals ging der Fahrradverkehr gegen Null, heute beträgt er 15 Prozent: nicht schlecht. Seit 2002 wurde der Autoverkehr in der Stadt halbiert!

Dann fuhr Ingwar nach Gent in Belgien, einer Stadt mit 270.000 Einwohnern. Ich war 2012 dort, bei unserem Treffen mit alten Rädern, doch erst 2017 gab es ein neues Verkehrskonzept. Der Durchgangsverkehr wurde blockiert, und seitdem hat man 30 Prozent weniger Autoverkehr. Der Anteil des Fahrrads am Verkehr stieg von 22 auf 35 Prozent.

Weiter nach Amsterdam. Dort wurde das erste Unterwasser-Fahrrad-Parkhaus der Welt gebaut. Auf 3 Etagen ist Platz für 12.000 Räder. Die Zahl der Pendler, die mit dem Fahrrad kommen, stieg von 2019 bis heute von 36 auf 56 Prozent. – 1972 gab es massiven Protest gegen die autogerechte Stadt, und die Kinder machten den Anfang. Amsterdam war also nicht immer Traumstadt der Radler; es galt, Kämpfe durchzufechten. Amsterdam autovrij! stand auf Transparenten. Nun sterben kaum mehr Kinder auf den Straßen. Die Amsterdamer wollen »Aufenthaltsqualität« in ihrer Stadt statt zuviel Mobilität.

»Aus deutscher Sicht utopisch«, kommentiert da der Autor, der uns an seiner Radreise teilhaben lässt, die er standesgemäß mit Zelt und Schlafsack und ohne Motor am Rad absolviert. Von Amsterdam ist es dann nicht mehr weit nach Utrecht, dem dritten Ziel. Dort war man mutig und baute eine Stadtautobahn zurück, so dass ein Kanal mit Grünflächen entstand. Man sagt von Utrecht: Die schönste Fahrradstadt der Welt, und manchmal wird sie auch als Welt-Fahrradhauptstadt bezeichnet. Gewollt ist städtisches Leben für alle, und in 10 Minuten soll man die Anlaufpunkte erreichen können, die einem Städtebewohner wichtig sind.

Hier merke man, sagt Ingwar Perowanowitsch, dass Städte nicht zwangsläufig laut sein müssen; die Autos seien es, die laut sind. Houten bei Utrecht wurde ganz für das Fahrrad geplant, und Groningen ist seit 1974 in der Innenstadt autofrei. Der Raum, der für parkende Autos gebraucht wird, ist das Problem. Parkhäuser gibt es in Utrecht etwas außerhalb, und mit Leihrädern fährt man ins Zentrum.

Deutschland sei ein Land, das sich übers Automobil definiert, und diese Industrie habe auch den Wohlstand gebracht. Einschränkungen beim Autofahren würden oft als Einschränkungen der persönlichen Freiheit betrachtet. Denken wir an die Aussage eines hohen ADAC-Funktionärs, wegen der Klimakrise seien höhere Benzinpreise in Ordnung. Gleich kündigten 60.000 Autofahrer im Südwesten ihre Mitgliedschaft. Das Klima ist ihnen egal; der Verein mit seiner starken Lobby soll das Autofahren erschwinglich halten, man denkt an den eigenen Geldbeutel.

Wie könne man Maßnahmen durchsetzen? Schwierig. Die Politiker, mit denen Ingwar sprach, rieten zu Allianzen und dazu, etwas durchzusetzen und es »erlebbar« zu machen.

Dann noch Kopenhagen mit einem Fahrradverkehrsanteil von 34 Prozent. Mit einer wunderbaren Fahrradbrücke.

Und so kommen wir zum Schluss. Ich denke manchmal an Italien. Da sind vergangenes Jahr 222 Radfahrer gestorben, da lebt man auf dem Rad gefährlich. Und bei uns? Ist es ein Menschenrecht, sich für 30.000 ein zwei Tonnen schweres Fahrzeug zu kaufen und damit herumzugleiten? Was ist mit den anderen, deren Leib und Leben dadurch bedroht wird? Ein Zitat des Autors von Cycling Cities verweist uns auf das Ministerium für Mitgefühl von gestern:

Gut wäre es, Städte aus der Perspektive der schwächsten Mitglieder der Gesellschaft zu denken … Würden wir diesen Rat beherzigen, würde das höchstwahrscheinlich eine Revolution unseres Stadtbildes bedeuten. 

Am Ende steht er wieder auf dem Schlossberg und blickt hinunter auf Freiburg. Gut, wieder hier zu sein! Gute Fahrrad-Stadt mit vielen Studenten. In der ersten Märzhälfte war ich bei zwei Spielen des SC Freiburg im Europapark-Stadion, und beide Male waren von den 34.000 Besuchern rund 5000 mit dem Rad gekommen, wie Jobrad meldete, noch für die Rest-Saison Hauptsponsor des Klubs. Ds bedeutet 10.000 Euro als Spende an eine  gemeinnützige Organisation, und so kamen seit März 2023 schon 200.000 Euro zusammen. Das ist Freiburg-Spirit!

 

Die Bilder laufen alle unter Creative-Commons-Lizenzen, sind entweder von Wikimedia Commons oder von PickPik oder sonstwie frei. Danke jedenfalls an alle.  

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