Unsinnspoesie
Am heutigen 1. April darf es mal etwas Unsinniges sein. Dieser Reclam-Band Deutsche Unsinnspoesie will einmal ausgeschlachtet werden, obwohl … dies das falsche Verb ist, denn was man rausnimmt, bleibt ja drin, das ist das Schöne an Gedanken, auch gedruckten.
Zu diesen Gedanken passt gut der Herausgeber dieses (gewohnten kleinen gelben) Bandes von 1978. Er heißt Klaus-Peter Dencker (1941-2021), und nett, wie er nach 4 Seiten seines Vorworts schreibt, »Wir brechen diese … Überlegungen hier ab«, um dann erst prägnant zu erklären, worum’s ihm geht:
Meinen wir mit Unsinnspoesie eigentlich sinnlose Texte? Meinen wir mit Unsinnspoesie nicht eigentlich Texte, die gegen den herkömmlichen Sinn, gegen die herkömmliche Norm geschrieben worden sind? Texte, die mit Absicht Poesie sein, aber anderen Gesetzen, eigenen, selbsterfundenen, gehorchen wollen? Ist hier nicht ganz unmittelbar der Ausgangspunkt literarischer Kreativität zu suchen …
Mal schauen, was ich mir beim Durchblättern der 400 Seiten eingemerkt habe!
Am Strande (Ludwig Bormann, 1851-1912)
Als hochbeglückt er sah sie,
Da wandelt an der See sie,
Da redet an er »Sie« sie,
Doch es gefiel ihm so sie,
Dass er sie nahm, die Susi.
Der Staub (Hanns von Gumppenberg, 1866-1928)
(Eine Meditation)
Es staubte
Denn er glaubte.
Er glaubte, dass es staubte.
Nur weil er glaubte, dass es staubte, darum staubte es.
Und eines Tages glaubte er nicht mehr, dass es staubte.
Da staubte es nicht mehr.
Aber da glaubte er auch nicht mehr.
Die Ahnung (Erich Mühsam, 1878-1934)
Ich trank meinen Morgenkaffee und ahnte nichts Böses.
Es klingelte. Ich ahnte noch immer nichts Böses.
Der Briefträger brachte mir ein Schreiben. Nichts Böses ahnend, öffnete ich es,
Es stand nichts Böses darin.
Ha! rief ich aus. Meine Ahnung hat mich nicht betrogen.
Klatsch am Sonntagmorgen (Horst Bienek, 1930-1990)
Wer mit wem?
Die mir dem?
Der mit der?
(Ohne Gewähr)
Sie und er?
Der und er??
Wer ist wer?
Wir mit ihr?
Sie mit dir?
(Am Klavier)
Du mit ihm?
Sie mit ihm!
Ich und du?
Who is who?
Fazit (Christoph Meckel, 1935-2020)
(für Pamela Pims)
Wir waren in Rümmingen
wo wir zu Fuß hingingen.
Der Azteke (Otto Heinrich Kühner, 1921-1996)
Ein etwa zwanzigjähriger Azteke
Kam neulich in eine Apotheke
Und verlangte zehn Schachteln Veronal.
Der Apotheker fand ihn höchst anomal,
Denn nach dem Wissen, das er erworben,
Waren die Azteken bereits ausgestorben.
Er gab auch deshalb aus dieser Sicht
Dem Azteken das Gewünschte nicht.
Geschütteltes (Eugen Roth, 1895-1976)
Du sollst das kranke Nierenbecken
Nicht mit zu kaltem Biere necken.
Auch müsstest du bei Magenleiden
Den Wein aus sauen Lagen meiden.
Glaub nicht, dass alle Zungen lügen
Die warnen vor den Lungenzügen.
Auf Pille nicht noch Salbe hoff
Wer täglich dreizehn Halbe soff!
Du spürst der ganzen Sippe Groll
die dich bei Grippe pflegen soll.
∅
Genug der Ratschläge. Ich hoffe, es hat Spaß gemacht
(wie ich mir bei der Auswahl dacht‘).
Dazu passen nun noch Osterhasen. In Fessenheim sah ich einen Monster-Hasen und woanders die Oster-Truppen der Konsumwelt. Doch Soldaten aus Schokolade, die man verspeisen kann, die sind akzeptiert.

