Stress im Jenseits (3)
Nun kommt schon das Motiv, dass die Verstorbenen Kontakt mit uns aufnehmen wollen. Melanies Chef glaubt das natürlich nicht, und als mein Vater beim 80. Geburtstag meiner Mutter sich ein paar Späße erlaubte und ich das erwähnt, gab es Verwandte, die sich über mich lustig machten. Sollen sie nur!
5
An Melanies Grab.
Mutter: Jetzt ist sie mit Viktor vereint. So schlecht haben sie nicht zusammen gepasst, aber dann gab’s diese Missverständnisse.
Partner: Ach, ist doch zehn Jahre her. Wer ist da mit wem vereint? Sie ist verbrannt und nicht mehr da, so sind die Fakten. Der idiotische Lastwagen. Der Fahrer ist eingepennt, dem ist fast nichts passiert.
Mutter legt eine Blume nieder Vielleicht war es Schicksal. Ihre Zeit war abgelaufen.
Partner: Sie hatte eben Pech. Jetzt fehlt sie uns. Und wie sie uns fehlt!
Mutter weint.
Partner: Sorry. Gehen wir. Aber Lucky war auch nicht der richtige Mann für sie. Auch da gab’s … Missverständnisse, wie du sagst.
Mutter: auf dem Weg So ist das eben. Ein kleiner Ort, du findest einen Mann, und dein Traumpartner lebt vielleicht am anderen Ende und du weißt es nicht.
Partner: Auch das ist Pech. Manche haben mehr Pech, andere weniger.
Mutter: Tolle Erkenntnis. – Ich glaube, dass Melanie jetzt glücklich ist.
Partner: Könnte schon sein, warum nicht.
Mutter: Das sagst du nur so. Vielleicht meldet sie sich ja mal.
Partner: Dann pass aber scharf auf.
Mutter: Da kannst du Gift drauf nehmen. Meine Melanie meldet sich.
Partner: Dann sagst du mir das aber, oder?
Mutter: Klar. Du wirst dann sagen: alles Einbildung.
Partner: Hängt davon ab.
Mutter: Wollen wir wetten?
Partner: Um was?
Mutter: Du schenkst mir ein Wochenende in Nizza.
Partner: Muss aber schon überzeugend sein.
Mutter: Das macht sie, wenn du dabei bist. Dann bist du überzeugt.
Partner: Wenn du es sagst. – Hier rechts ist übrigens Viktors Grab.
Mutter: Ach, das ist zu deprimierend. Fahren wir heim.
6
An Melanies Arbeitsstelle.
Chef vor dem Schreibtisch: Nun schau dir mal dieses Durcheinander an. Alles in eine Kiste, dann rufst du die Familie an.
Frau neben ihm: Können nicht Sie das machen? Das ist so deprimierend.
Chef: Nein, das machen Sie. Ein kleiner Anruf, sie sollen den Müll hier abholen. Aber Müll sagen Sie nicht, ist ja klar.
Frau: Melanie war ein wenig chaotisch. Sie war unterwegs zu einem Bewerbungsgespräch, wussten Sie das?
Chef: Na und. – Natürlich tut’s mir auch leid, sie war eine lebhafte Person, und jetzt ist sie nicht mehr da.
Frau: Wo meinen Sie, dass sie ist?
Chef: Was soll ich meinen? Sie ist eben weg, alles schwarz, Klappe zu, Ende der Durchsage. Was sonst?
Frau: Ich räume jetzt den Schreibtisch leer.
Chef im Weggehen: Um eins ist die Nachfolgerin da. Schauen Sie, dass der PC funktioniert.
Frau schaut aus dem Fenster. Skyline, trüber Morgen, unten die Häuser, mit Musik. Sie schaltet den Computer und den Monitor ein, sieht das Desktop-Bild, bricht in Tränen aus. Wischt sich die Tränen ab, zieht eine Schubladen auf, räumt den Inhalt sorgsam in die Kiste. Sie kann nicht einfach so weg sein. Glaub ich nie. Der Bildschirm flackert, fällt aus, und dann ist plötzlich ein anderes Bild auf dem Desktop. Ein See mit einem Vogel darüber. Das … gibt’s doch nicht!
Sie geht ins Büro des Chefs. An der Tür sagt sie: Sie müssen kommen, da kam plötzlich ein anderes Bild auf den Bildschirm, ganz seltsam!
Chef: Wenn es Sie beruhigt. Sie gehen hin. Was war vorher drauf?
Frau: Was immer drauf war: der See mit der Hütte, Sonnenuntergang. Dann hat es geflackert und das Bild kam. Hab ich nie gesehen.
Chef: Aber Sie wollen mir jetzt nicht erzählen, dass Melanie uns ein Zeichen gibt!
Frau: Doch, eigentlich schon. Sie ist vielleicht der Vogel da, jetzt frei.
Chef schüttelt den Kopf Ich hatte Sie immer für eine Frau gehalten, die mit beiden Beinen im Leben steht. Mit Computern habe ich schon so einiges erlebt. Vergessen Sie’s einfach. Machen Sie weiter. Das sind einfach die Emotionen. Da sieht man Gespenster, wo bloß ein Computer spinnt. Also stören Sie mich nicht nochmal mit diesem Quatsch. Chef ab.
Frau leise Melanie, ich weiß nicht, wo du bist, aber ich habe das Gefühl, es geht dir gut. Das Foto auf dem Bildschirm leuchtet kurz auf. Die Frau legt liebevoll die Hand auf den Bildschirm und macht weiter, füllt die Kiste.
Morgen Teil 4.