Stress im Jenseits (7)
Nun wird ein Priester befragt. Und dann kommen Melanie und Viktor wieder zusammen, aber niemand kann sie zwingen, zusammenzubleiben. Schließlich: ein Auftrag für die beiden. Ein schwerer Unfall mit 4 Toten.14
Franka und Mutter beim Priester.
Priester: Ich sehe Sie nicht oft in der Kirche.
Mutter: Beim Begräbnis von Viktor waren wir.
Priester: Das durfte ich ja wohl erwarten.
Franka: Viktor war auch da. Ich hab ihn gespürt. Kann das sein?
Priester: Na ja, Verstorbene nehmen manchmal Abschied, sind ihrem Leben noch verbunden. Ein zärtliches Adieu.
Franka: Aber dann, was passiert dann? Wird er mich öfter besuchen?
Priester: Hm. Nach der christlichen Doktrin nicht. Die Toten fallen der ewigen Ruhe anheim und werden am jüngsten Tage auferweckt.
Franka: Sie schlafen also den ewigen Schlaf.
Priester: So ungefähr.
Mutter: Aber die ganzen Geschichten von Erscheinungen und Geräuschen und Gerüchen, das gäb’s dann nicht?
Priester: Das sollte es eigentlich nicht geben.
Mutter: Ich lese zur Zeit alle Bücher, die ich kriegen kann. Das Leben nach dem Tod und so. Von Amerikanern. Da sind Verstorbene gleich nach dem Tod putzmunter.
Priester: Liebe Frau, da handelt es sich oft um Einbildungen, um Wunschvorstellungen, um Halluzinationen. Das Reich des Geistes ist unergründlich.
Franka: Ich dachte, Sie würden eher sagen, Gottes Reich ist unergründlich.
Priester: Das könnte ich auch sagen, klar. Vom theologischen Standpunkt aus kann es das alles nicht geben.
Mutter: Aber sollte man nicht schauen, was es gibt? Die Fakten überprüfen? Die Wissenschaft sagt auch immer das, was Sie sagen: Gibt’s nicht.
Priester: Nein, die Verstorbenen werden erlöst. Nur nicht gleich.
Mutter: Entweder Sie haben Recht, oder die anderen spinnen alle.
Priester: Sie müssen verstehen, dass ich irgendwie an meine Lehre gebunden bin, wenngleich, unter uns, ich nicht ganz von der Hand weisen will, dass es ein recht aktives Leben nach dem Tod gibt. Die katholische Kirche tut sich da schwer, wie sie auch alle vermeintlichen Wunder immer genauestens untersucht hat.
Franka: Da stoßen wir also auf eine Barriere.
Priester: Sie dürfen trotzdem daran glauben, das ist ja schließlich nicht Ketzerei.
Franka: Was für ein Glück. Aber ich wollte das alles mal von Ihnen hören.
Priester: Es gab Kollegen, die haben Experimente gemacht, damals zum Beispiel Leo Schmid, der Pfarrer vom Fricktal. Experimente mit Tonbandstimmen, und die Verstorbenen waren in seinem Zimmer und haben kommentiert, warum er da einen Koffer stehen hat. Und er ist nicht bestraft worden, der Pfarrer. Auch, weil er kurz vor Erscheinen des Buches gestorben ist, neunzehn-sechsundsiebzig.
Mutter: Da hätte er sich mal melden können.
Priester: Hat er ja vielleicht gemacht. Bei mir aber nicht. Wir wissen ja noch zuwenig. Bei Gott ist vieles möglich.
Mutter: Schön, dass Sie das sagen, Hochwürden. Das gibt uns Hoffnung.
15
Durch die Luft, über das Rothaargebirge, dann höher – ein Korridor, es öffnet sich ein riesiger Kubus, ein Museumsgebäude, hell, und da stehen kleine Gruppen, die jeweils einen Dozenten umringen. Manche der Hörer sitzen auch oder sind am Boden ausgestreckt.
Azrael (zu Viktor): Hören wir da kurz mal zu? Hier ist was für Anfänger.
Dozent: Wir haben da ein gutes Zitat von Heraklit: »Unsterbliche: Sterbliche; Sterbliche: Unsterbliche, denn das Leben dieser ist der Tod jener.« Der Tod ist eine neue Geburt. Wir hier messen alles in Spiritualität. Es gibt Menschen, die spirituell tot sind, zu Lebzeiten tot schon, und die also einen zweiten Tod – den körperlichen – erleben, der aber nichtig ist, weil er sie nicht von der Erde wegbringt. Da fehlt die Entweichgeschwindigkeit. Andere leben spirituell und sterben gar nicht, weil sie neu geboren werden. Was ist eigentlich Spiritualität? Wie wird man spirituell?
Azrael (zu Viktor): Das wollten wir immer schon wissen. (Schaut herum.) Ach, da ist Seraphiel, der hat auch eine Kandidatin. Komm, Viktor.
Sie rauschen in eine Ecke des Saales.
Azrael: Hi Seraphiel. Meinen Segen für dich.
Seraphiel verbeugt sich Und mein Segen geht an dich.
Azrael deutet auf Viktor: Das ist Viktor, mein Kandidat.
Seraphiel weist auf Melanie Dies hier ist meine Kandidatin, Melanie.
Die Kandidaten sehen sich erstaunt an. Ihre Blicke bohren sich ineinander. Um sie herum brodelt die Luft.
Azrael: Ein starkes Energiefeld.
Seraphiel: Sie haben ein großes Stück Vergangenheit gemeinsam. Sie müssen zusammen arbeiten.
Viktor löst sich mühsam.
Viktor: Ich habe einige Flashes erlebt, schön und schrecklich. Wir waren verheiratet, jetzt weiß ich es.
Melanie: Hat es Sinn, das nochmal durchzumachen?
Azrael: Ihr sollt nichts wiederholen, sondern neu anfangen. Wenn Geister mehr gemeinsam haben als sie trennt, finden sie immer zueinander. Ihr könnt also ruhig abwarten; euer Zusammensein war so übel nicht, doch soll dies keine Zusammenführung sein. Ihr sollt gemeinsam lernen.
Seraphiel: Margo braucht kurz unsere Hilfe. Wir werden sie dann auch nicht mehr sehen. Sie ist sozusagen befördert worden. Zu Viktor Da sind wunderbare Geister wieder weg, und meistens gibt es eine Abschiedsparty, aber nur für die Teamleiter. Heute Abend, Azrael. – Wir müssen. Ein Auftrag. Ihr seht, es ist immer etwas los. Kommt mit.
16
Sie fliegen zu einer Autobahn, Nähe Hanau. Rauchende Trümmer, die Feuerwehr, Polizei, Blinklichter, ein Hubschrauber steigt auf.
Sie stehen da. Verstreut vier Körper unter weißen Leintüchern. Eine Gruppe von 4 Jugendlichen – zwei Mädchen, zwei Jungen – steht in einiger Entfernung in einer Art Leinenkleidung. Sie schauen in unterschiedliche Richtungen. Die 4 Abgesandten nähern sich.
Erster Junge bei sich: Mir ist schwindlig. Da vorne ist das, was von unserem Auto übrig geblieben ist. Die machen da rum, und um uns kümmert sich keiner.
Erstes Mädchen: Die sehen uns gar nicht. Ich muss meiner Mutter sagen, dass ich später komme.
Zweites Mädchen weint.
Zweiter Junge hingekauert: Ich hab den anderen Wagen nicht gesehen, er kam von rechts, es war wie ein Hieb mit der Faust, und wir sind geflogen. Ein Wunder, dass uns nichts passiert ist.
Azrael stößt Viktor an.
Viktor: Hey! Was für ein Schreck. Wie geht es euch?
Erster Junge: Endlich ein Helfer. Bis auf leichten Schwindel geht’s so. Wie kommen wir hier weg? Ich kann das nicht mehr sehen.
Viktor: Wir fahren gemeinsam weg von ihr. Habt nur Vertrauen. Wir zeigen euch, wie man das macht.
Die beiden Jungen und das Mädchen sehen die 4 Weißgekleideten verblüfft und irgendwie traumverloren an. Melanie hat sich zu dem weinenden Mädchen gesetzt und streichelt es.
Zweiter Junge trotzig: Wie man das macht! Holt eben ein Auto. Ich will nach Hause. Mann, war das ein Schreck. Wenn ich das meinem Bruder erzähle!
Viktor zu ihm: Ich fürchte, das wirst du ihm nicht mehr erzählen können.
Zw. Junge: Wieso denn nicht?
Viktor: Schau mal, das bist du, du bist du; doch dein Körper ist da hinten unter dem Laken, der zweite von links.
Erstes Mädchen: Da sind ja vier Laken. Wir sind vier. Wir … waren vier.
Melanie: Vier Körper, die ihr nicht mehr braucht.
Die vier schauen an sich herunter, schauen ihre Hände an, schauen hinüber zu den Laken.
Weinendes Mädchen: Dann sind wir also tot? Das kenne ich nur ausm Film.
Melanie: Schau uns an, sehen wir aus, als wären wir tot? Wir sind es aber, zumindest nennt man das hier unten so. Auch unsere Körper sind woanders, wie haben diese Körper, neue Körper wie ihr auch. Lasst euch helfen.
Die vier drängen sich aneinander. Der erste Junge weint nun auch.
Erstes Mädchen: Das heißt, jemand geht zu meiner Mutter und sagt, Sabrina ist tot.
Viktor: Denk nicht dran. Ihr seid ein gutes Team. Ihr bleibt erstmal zusammen.
Die Unfallszene ist fort. Nur noch die acht, eine fast antik wirkende Figurengruppe.
Melanie: Da kommt nun gleich ein Licht, und wir gehen alle zusammen hin, denn dahinter steigt das große Fest.
Viktor: Sozusagen.
Zweiter Junge: Versprochen?
Viktor: Versprochen. Ihr habt nie etwas Schöneres erlebt. Kein Fest hat euch je so glücklich gemacht, wie das, was ihr erleben werdet.
Erstes Mädchen: Ist ja niemand mehr da. Wir haben ja nur euch. Ist zumindest eine Chance. Wir brauchen da ja nicht weiter herumzuhängen. Und ihr seid ja in Ordnung.
Zweiter Junge: Find ich auch.
Melanie: Kommt alle mit.
Das Licht kommt, und sie verschwinden darin.
Morgen mehr.