Im Alpfieber (2): Die Tiere

Dort oben, grob zwischen 1300 und 1800 Metern, lebt man mit der Natur und den Tieren, die gemolken und auf die Weide geführt werden wollen. Die Älplerinnen stellen Käse her, der dann verkauft wird. Die jüngste Älplerin war 30, die älteste 74 Jahre alt. 

Anne Mathis Neza von der Güner Alp sagte, das Melken sei eine schöne Arbeit. Ihre Kühe könne sie nicht immer auseinanderhalten, doch an ihren Eutern erkenne sie die 14 blind. Unter ihren Kühen sei auch eine »Schmusekuh«, die Heidi.

Renate von der Alp Mora war 56 Jahre alt und schon in ihrem 17. Alpsommer. Sie hatte sich um 120 Kühe von 6 Bauern im Tal zu kümmern. Die älteste war 18 Jahre alt, und jeden Tag fast kalbte eine der Kühe. Renate liebte die Einsamkeit und fühlte sich drunten im Tal richtiggehend entfremdet: Über welche Kleinigkeiten sich die Leute nicht aufregten! Einmal hatte sie Borreliose, die aber nach 2 Jahren verging. Sie meint, konstantes Barfusslaufen hätte ihr geholfen.

Eine andere Renate oben auf der Malschüel-Alp bei Buchs sömmerte mit 2 Hirtinnen 25 Schweine und 256 Geißen. Die Ziegen seien schlauer als Schafe. Ein Bock und eine Ziege werden manchmal in die »Sexbox« gesperrt, damit er sie »bespringt«:

Er springt, ich nehme die Ziege raus, und die nächste ist dran. Sie gehen alle trächtig heim.   

Marisa von der Bödmereralp im Muotatal kritisierte den manchmal groben Umgang von Männern mit ihren Tieren und sagte:

Die Tiere sollen mir vertrauen können. Ich pflege einen bestimmten, aber liebevollen Umgang mit ihnen.

Josi Jauch war 74 und hatte schon fast 50 Alpsommer hinter sich. Sie hatte 7 Kinder großgezogen und 25 Jahre ihren behinderten Mann gepflegt. Dort oben, auf dem Oberberg im Chiital, hat sie auch schon Tiere verloren. Entweder fallen sie in Spalten und werden nicht mehr gefunden, oder der Wolf reißt einige und lässt sie angeknabbert liegen. Das war vereinzelt so im Jahr 2013. Im Jahr 2018 gab es erst 4 Wolfsrudel in der Schweiz, jetzt sollen es 40 sein. Nun werden die Älpler noch mehr aufpassen müssen.

Franziska (51) von der Alpe di Cavanna kennt das auch. Ein Wolf könne 12 Schafe reißen. Für mehrere Wölfe werde das Töten bisweilen zum Spiel, sie starteten auch Scheinangriffe, um die Hunde abzulenken. Sie hatte damals eine der größten Schafherden der Schweiz dort oben: 1200 Tiere, bewacht durch 6 Hunde und 3 Herdenschutzhunde. – Ohne Strom und Heizung.

Susanne, 53 Jahre alt, arbeitete am Engelberg. Sie hatte 50 Rinder und 40 Schafe und denkt gern aus der Perspektive der Tiere; sie denkt sich in sie hinein. Ihre Philosophie:

Die Alp war das, wonach ich immer gesucht hatte. – Ich bin Teil des Ganzen. Ich werde als Mensch kleiner und das Universum wird größer. – Ich habe das Gefühl, gleichzeitig Himmel, Wind und die Kuhglocken zu sein. – Einfach machen, nicht überlegen, nicht denken. – Die Kuh lehnt sich so herzig an dich an, dass du fast zerschmilzt vor Wonne. – Hier oben begegnet man keinem Wunder, nur sich selbst.

Einmal sollten Schweine am nächsten Tag abgeholt und danach geschlachtet werden. Und in dieser letzten Nacht flüchtete die ganze Schweinetruppe und verkroch sich in einem nahestehenden Tobel. Sie mussten das irgendwie geahnt haben.

Natacha Fave (24) und ihr Vater versorgten im Val de Réchy im Mittelwallis 40 Pferde und 4 Eringer-Rinder. Ihr Pferd Banzai liebte sie:

Das Pferd stand mir näher als mein Freund. – Bei der Parelli-Methode (Pat Parelli) geht man davon aus, dass das Pferd die Gedanken der Dressurreiterin lesen kann. Wenn die Reiterin nur an die nächste Bewegung denkt, führt das Pferd sie bereits aus. – Sobald ich mit Pferden zusammen bin, komme ich in meine Mitte, werde ruhiger. Darum werden sie die große Liebe meines Lebens bleiben.

Tiere wissen und ahnen mehr, als wir meinen.

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