Rückkehr ins Leben (27): Die dunkle Transformation
Ich blätterte mal wieder in Peter Sloterdijks Buch Du musst dein Leben ändern herum, und da zeigte sich etwas, was erst bei einer Ausfahrt mit dem Rad in mir konkret wurde. Der Autor selber hat es angedeutet, aber so richtig kommt es nicht heraus, weil er gelehrt und weitschweifig schreibt, also muss ich in eigenen Worte versuchen, meinen Punkt zu machen.
Sloterdijk schreibt von Transformation (Verwandlung) und Wiederverweltlichung, was uns ja in der Rubrik Zurück ins Leben beschäftigt. Jemand erlebt etwas Einschneidendes (springt etwa dem Tod von der Schippe) und bekommt also eine zweite Chance. Viele möchten heute ihr »Potenzial entwickeln«, ihre Stärken einsetzen, um – ganz individualistisch – glücklich und erfolgreich zu werden. Es geht dabei um Liebe, Geld und Karriere.
Ganz klassisch (und umgekehrt) ging das bei Jonathan Ashford vor sich: Er war materialistisch und karrierebewusst – und wurde nach seiner Nahtoderfahrung zum guten Menschen. – Nun dachte ich mir: Es gibt auch eine dunkle Transformation. Sie erklärt vielleicht Massaker und viel Böses in der Welt.
Sloterdijk erwähnt ja den Weg des Künstlers und des Mönchs zu einem Endziel, die jahrelangen Übungen und Kasteiungen, um einer Erlösung teilhaftig zu werden. Und etwas in ihnen wollte einen neuen Weg, der das Beste aus ihnen herauslocken würde. Die hehre Kunst und das Christentum, beide schenken Befriedigung und ein reines Gewissen.
Etwas Religiöses haftet auch den Ideologien an, die vor allem in Europa ab dem 19. Jahrhundert entstanden. Früher kämpften die Soldaten für den Fürsten oder den König, und das kam ihnen richtig vor. Es war ihr Job. Ein Kampf Mann gegen Mann, weil ihr Dienstherr das so beschlossen hatte. Später, im Zeitalter der Ideologien, starben immer weniger Soldaten. Die Zivilisten wurden gequält und ermordet, denn die Ideologie frisst alle(s) auf. Keiner kann abseits stehen.
Es fing mit der Ideologie des Nationalismus an, der in den Kolonialismus mündete, und auch der Kapitalismus war eine Ideologie. Später der Kommunismus und der Faschismus. Man wollte die Menschen also für die Nation begeistern und für das Volk, und das hieß: Dein Volk ist wichtig und besser als andere Völker. Weiße sind besser als Schwarze oder Gelbe. Oder: Die Weltrevolution wird allen Frieden und Glück bringen. Oder: Der Führer weiß, was geschehen muss, er führt alles zu einem guten Ziel. An diese Ideologien unbeirrt und absolut zu glauben, war schon eine Transformation. Diese Menschen leuchteten innerlich, sie hatten eine Aufgabe und lebten eine Idee, und man sagte ihnen, diese sei richtig und sie seien wichtig. Die Idee war totalitär.
Die Anführer sagten natürlich, dass die Realisierung des weltlichen Paradieses Opfer erfordere. Die »neuen Menschen« traten nach ihrer Verwandlung (auch durch Indoktrinierung) wieder in die Welt ein und gehorchten unbedingt. Und wenn es hieß, sie müssten töten, leider sei das so, es sei nötig, um das Ziel zu erreichen: So töteten sie. Ihr Wille wurde umgebogen, ihr Idealismus missbraucht, denn keine Idee ist gut, wenn sie auch nur mit dem Opfer eines einzigen Menschen erkauft wird.
Die «neuen Menschen« schlugen also mit blinder Wut auf andere ein, um eine bessere Welt zu erschaffen. Man sagte ihnen, dass sie die Besten des Volkes seien, dass sie eine heilige Pflicht erfüllten, denn es gehe um ein hohes Ziel. Millionen Verblendete massakrierten also andere Millionen, weil das angeblich nötig war (und Millionen Feige taten es nur, weil die andern es taten).
Das war möglich nur durch Manipulation und dauernde Beeinflussung der Menschen; die Massenmedien halfen dabei mit. Und der Mensch ist schwach und ängstlich. Du kannst ihm etwas vorgaukeln und ihm das Blaue vom Himmel versprechen, und er wird folgen; und du kannst ihn unter Druck setzen, dann wird er einknicken und so tun, als glaubte er alles.
Bertolt Brecht schrieb in Wenn die Haifische Menschen wären:
Sie (die Menschen) würden unterrichtet werden, dass es das Größte und Schönste sei, wenn ein Fischlein sich freiwillig aufopfert, und sie alle an die Haifische glauben müssten, vor allem, wenn sie sagten, sie würden für eine schöne Zukunft sorgen. Man würde den Fischlein beibringen, dass diese Zukunft nur gesichert sei, wenn sie Gehorsam lernten.
Sie würden die Fischlein lehren, dass zwischen ihnen und den Fischlein der anderen Haifische ein riesiger Unterschied bestehe. Die Fischlein, würden sie verkünden, seien bekanntlich stumm, aber sie schweigen in ganz verschiedenen Sprachen und könnten einander daher unmöglich verstehen. Jedem Fischlein, das im Krieg ein paar andere Fischlein, feindliche, in anderer
Sprache schweigende Fischlein, tötete, würden sie Orden aus Seetang anheften und den Titel Held verleihen.
Konnte ich mich verständlich machen? Zu Beginn verschleiern die Mächtigen ja ihre Mittel, nicht ihre Ziele. Menschen wollen sich für etwas begeistern. Wieviele Soldaten zogen nicht jubelnd in den Ersten Weltkrieg! Und auch kluge Menschen ließen sich anfangs für den Nationalsozialismus begeistern, sie wollten eine neue Idee, da spürten sie eine neue Lebenskraft!
Doch dann, wenn die Unerbittlichkeit einer Ideologie sich zeigt, wenn andere Menschen zur Zielscheibe werden, muss man rufen: Stop! Denn die dunkle Transformation führt in den Abgrund. Denn man hat seine Seele verkauft wie Faust die seine dem Mephisto.
Das Bild oben rechts ist von Nicholas Roerich (1847-1947).
