Rückkehr ins Leben (28): Im Sterbezimmer

Der Atem ist eine 120-seitige Erzählung von Thomas Bernhard, die 1981 erschien, aber auf das Jahr 1949 zurückgeht, als der 18-Jährige todkrank war und im Krankensaal  (»Sterbezimmer«) eines konfessionellen Krankenhauses untergebracht war mit zwei Dutzend Todeskandidaten hohen Alters. Und da beschloss er: Ich will leben! Es war die Entscheidung einer Minute.

Der Österreicher Thomas Bernhard (1931-1989) hat da wieder ein furioses Ding hingelegt: Erinnerungen aus seiner Jugend. Plötzlich dachte ich bei diesen langen, präzisen Sätzen an W. G. Sebald (er war 13 Jahre jünger). Bernhard hat diesen mitleidlosen Blick und eine bildkräftige Sprache; er schildert, wie er das damals sah, und gewiss hat er nicht viel übertrieben dabei.

Da standen in der Klinik bei Salzburg 30 Betten, die von alten, hinfälligen Menschen belegt waren, die nach und nach starben; und gleich danach lag wieder ein neuer Todkranker dort. Die Patienten waren an Infusionen angehängt, und es kam ihm wie Theater vor, »wenn auch ein schreckliches und erbärmliches«. Er, der 18-Jährige, dämmerte so dahin und schien auch sterben zu müssen und so bald, dass man ihn in das Badezimmer schob. Er wusste, was das bedeutete. Eine Schwester kam, denn ein Nachbar des Jungen hatte seinen letzten Atemzug getan.

Sie wirft das Bettzeug auf den Boden und hebt, wie wenn sie jetzt auf meinen Tod wartete, meine Hand auf. Dann bückt sie sich, nimmt das Bettzeug und geht mit dem Bettzeug hinaus. Jetzt will ich leben. … Ich will nicht sterben, denke ich. Jetzt nicht. 

Um fünf Uhr früh bringen sie den Kranken wieder in den Saal, in dem gestorben wird. Der dickliche Krankenhauspfarrer gibt ihm die Letzte Ölung. Er nahm das Zeremoniell kaum wahr.

Ich wollte leben, alles andere bedeutete nichts. Leben, und zwar mein Leben, wie und solange ich es will. Das war kein Schwur, das hatte sich der, der schon aufgegeben gewesen war, in dem Augenblick, in welchem der andere vor ihm zu atmen aufgehört hatte, vorgenommen. Von zwei möglichen Wegen hatte ich mich in dieser Nacht in dem entscheidenden Augenblick für den des Lebens entschieden. 

Er entschied sich für den Atem, den göttlichen. Gegen Ende kommt Bernhard noch einmal darauf zurück:

Diese Entscheidung hatte ich ganz allein gefällt, und sie hatte in der kürzesten Zeit gefällt werden müssen, in einem einzigen Augenblick. 

Thomas Bernhards Großvater, Johannes Freumbichler, war ihm Vorbild und führte ihn an Philosophie und Literatur heran. (Er war 1881 geboren und starb kurz nach Bernhards Genesung 1949.) Über ihn:

Aber die Seele und der Geist beherrschen den Körper, so mein Großvater. Der geschwächteste Körper kann von einem starken Geist oder von einer starken Seele oder von diesen beiden zusammen gerettet werden, so er. … Von Zeit zu Zeit seien solche Krankheiten … notwendig, um sich jene Gedanken machen zu können, zu welchen der Mensch ohne eine solche zeitweise Krankheit nicht komme. 

Das ist ein interessanter Gedanke. Wir gingen in gewisse »Denkbezirke«, um zu einem gewissen Bewusstsein zu kommen, und diese Denkbezirke könnten Krankenhäuser, Gefängnisse und Klöster sein. Wir sind in der Krise und flüchten uns in einen Leerraum, den auch ein Urlaub am Meer böte. Wir suchen das unbewusst. Wir suchen etwas. Um ins Krankenhaus zu kommen, brauchen wir eine Krankheit, fürs Gefängnis eine Tat, fürs Kloster einen Schwur. Weiter gedacht:

Es wäre durchaus möglich, dass es überhaupt nur erfundene Krankheiten gibt, so mein Großvater, die als tatsächliche Krankheiten erscheinen, weil sie die Wirkung von tatsächlichen Krankheiten haben.  

Ein guter Autor provoziert und wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet.

 

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