Begegnung im Geiste Platos

Lange lag bei mir das Buch Griechisch-Stunden von Han Kang herum, das ich unbedingt behandeln wollte, und nun passt es gut zu Sappho und deren Zeit. Die koreanische Verfasserin hat 2024 den Nobelpreis für Literatur bekommen und ist dabei erst 56 Jahre alt; früher musste man dafür schon mindestens 70 sein.

Es ist ein vielschichtiger Roman, den man genau lesen muss. Ihre »poetische Prosa« wurde vom Nobelpreis-Komitee gelobt. Da ich ein eher hastiger Leser bin, wurde ich schnell verwirrt, da keine Namen genannt werden. Ich taste nun etwas herum und versuche eine ungefähre Zusammenfassung. Also: Da ist eine junge Frau, die ein 8-jähriges Kind hat, dessen Sorgerecht sie verlieren wird. Die Frau nimmt in Seoul an einem Kurs in Altgriechisch teil und bewundert ihren Lehrer.

Dieser kluge Lehrer hat Probleme beim Sehen und meint, bald erblinden zu müssen, während seine Schülerin nicht spricht. Sie schreibt das so:

Eines Winters, sie war gerade siebzehn geworden, hörte es schlagartig auf. Die Wörter … verschwanden plötzlich im Nichts.

Es gibt keine Erklärung dafür. Interessant dieser Satz:

Kurz bevor sie ihr Sprechvermögen verlor, war sie eloquent wie nie. 

Anscheinend haben beide – Lehrer wie Schülerin – die Hälfte ihres Lebens in Deutschland verbracht und fühlen sich in Seoul noch nicht richtig wohl. – Der Lehrer schreibt einen Brief an seine jüngere Schwester Ran und schildert seine Situation; er schreibt auch an ein Mädchen, das er mit 17 Jahren verehrte; und er schreibt an einen deutschen Freund, der mit 37 Jahren gestorben ist und mit dem ihn viel verband. Er erinnert sich:

An dem Tag, an dem du mich in deine Arme nahmst, habe ich wohl, bebend vor Klarheit, das Zarte, Glühende und Unverstellte dieser Geste verstanden. Dass der menschliche Körper eine traurige Angelegenheit ist, hohl, weich und verletzlich. … Dieser Körper, zum Umarmen geboren und dazu, Lust darauf zu machen. 

Oben sehen wir den Grossen Mythen der Schweiz und sein Partner. Der Lehrer hat sie gesehen und dachte dabei an Insubong und Baegundae aus seiner Heimat, vor deren Gipfeln er aufwuchs. Es könnte eine Metapher sein: für die Schwierigkeit (oder die  Unmöglichkeit), einander körperlich zu begegnen.

Am Ende des Buchs werden sich Lehrer und Schülerin trotz allem näherkommen, ganz zart ist das geschildert, als wollte die Autorin diese kostbare Begegnung schonen. Gemeinsam war beiden die Liebe zur Sprache, speziell zum schwierigen Altgriechisch, in dem etwa ein einziges Verbum leiden und erkennen bezeichnet. Platon hatte diese Sprache zum Zenit geführt, doch sie musste »degenerieren«, um vom Volk gesprochen werden zu können; und es gibt neben Aktiv und Passiv auch das Medium, das die Wirkung einer Handlung auf den Handelnden ausdrückt. Und der Lehrer sprach:

Platon war der Meinung, dass wer stärker an die Existenz schöner Dinge glaubt als an die Schönheit selbst, in einer Traumwelt lebe … Er war außerdem der Meinung, aus dem Traum erwacht zu sein. Er glaubte nicht an schöne Dinge, nur an die absolute Schönheit, die in ihrer Vollendung im realen Leben nicht existieren kann. 

Das war Platos Ideenlehre. Man konnte sich nichts darunter vorstellen, Philosophen gaben es auf. Weil sie nichts von der Geistigen Welt wussten. Wer die Idee versteht und liebt, ist über das Individuelle hinaus, er schwebt über den Dingen und ist der Wahrheit sehr nah.

 

 

 

 

 

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