Nachlese mit Fahrrad

In den beiden Büchern, die uns vor einem Monat den Schatten der Mutter näherbrachten, fand ich zwei Zitate, die schön frühere Geschichten von manipogo ergänzen, und darum will ich sie nicht unter den Tisch fallen lassen. Es sind neue Versionen, und wir wollen unsere Themen ja möglichst erschöpfend behandeln. Darum diese kleine Nachlese.

Maria Nurowska schrieb in Jenseits ist der Tod über ihre Mutter zur Kriegszeit, was mich an die Geschichte Das Mädchen auf dem blauen Fahrrad von 2017 erinnerte (Link unten).

Dabei warst gerade du (ihre Mutter, Anm.) der einzige weibliche Melder von der Abteilung, der den Krieg überstanden hat. Selbst wenn es am gefährlichsten war, während der Zeit der großen Razzien, als man eine Menge Leute verhaftet hatte, brachtest du mit dem Fahrrad Meldungen nach Suwalki, wo sich der Stab befand. Jedes Dokument wurde geprüft, jeder, der in die Stadt hinein und wieder hinausfuhr, wurde kontrolliert. Nach dem geglückten Attentat auf den Chef der Gestapo in der Stadt wurden zur allgemeinen Abschreckung der Bevölkerung, die mit den Partisanen zusammenarbeitete, öffentlich Bestrafungen auf dem Marktplatz angeordnet. Zwei Melderinnen sollten hingerichtet werden, eine neunzehnjährig, die andere sogar noch etwas jünger. Beide hatten wunderschönes, langes Haar, das ihnen abgeschnitten und später an ihre Familien geschickt wurde. Sie kamen um unter den Hieben der Axt, sie mussten niederknien und den Kopf auf den Klotz legen. 

Du warst dabei; und doch hast du auch weiterhin Meldungen transportiert. Du fuhrst mit dem Fahrrad an der Bude des Wachpostens vorbei, beim Hineinfahren in die Stadt und beim Hinausfahren musstest du jedesmal absteigen und dich einer besonderen Kontrolle unterziehen. Du warst schon hochschwanger, die Meldungen waren auf deinem Bauch angeheftet, worauf zum Glück keiner der Posten kam. Sie durchsuchten deine Taschen, die Handtasche, guckten unter den Sattel, prüften sogar, ob nicht etwas in den Reifen versteckt war. 

Ein blaues Fahrrad, hier im Dorf, 3 Straßen weiter

Nun eine Stelle aus dem Roman Der Liebhaber, und sie ist ein Echo auf die Erkenntnisse von Annemarie Schwarzenbach in Afrika (wieder Link unten: Das wahre Afrika?):

Ich sehe die Frauen in den Straßen von Saigon an, auf den Außenstationen. Es gibt unter ihnen sehr schöne, sehr weiße, sie sind um ihre Schönheit sehr besorgt hier, vor allem auf den Außenstationen. Sie tun nichts, sie erhalten sich nur, sie erhalten sich für Europa, für die Liebhaber, die Ferien in Italien, den sechs Monate langen Urlaub alle drei Jahre, wenn sie ndlich über das, was hier vorgeht, werden reden können, über diese so eigenartige Existenz in der Kolonie, über die so hervorragenden Dienste der Leute hier, dieser Boys, über die Vegetation, über die Bälle, über diese weißen, zum Sich-Verirren weiträumigen Villen, wo die Beamten entlegener Stationen untergebracht sind. 

Sie warten. Sie kleiden sich für niemanden und nichts. Im Schatten dieser Villen betrachten sie sich in Gedanken an später, sie glauben einen Roman zu leben, ihre weiten Schränke sind schon voller Kleider, mit denen sie nichts anzufangen wissen, angesammelt wie die Zeit, die lange Reihe der Tage des Wartens. Einige verfallen dem Wahnsinn. Einige werden sitzengelassen, wegen eines jungen verschwiegenen Dienstmädchens. Sitzengelassen. Man hört, wie dieses Wort sie trifft, hört das Geräusch, das es verursacht, das Geräusch der Ohrfeige, die dieses Wort verpasst. Einige bringen sich um. 

Bild oben rechts: Das war vor 20 Jahren eine Ministerin in Berlusconis Kabinett, der ja als Vorläufer von Trump schöne Frauen bewunderte und ihnen Jobs in der Regierung gab.

 

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