Testpiloten (113): Sharon Ward

Ich suchte auf Youtube nach Anthony Chene – und landete bei einem anderen Podcast, der mir gefiel. Und gleich musste ich unsere TestpilotInnen ergänzen und 2 neue Beiträge machen. Coming Home (Heimkommen) heißt die Reihe und bat erst am 30. November 2024 um Beiträge … und los ging’s. Bei uns auch. Sharon Ward erzählte Ende Mai ihre Geschichte.

Coming Home unterscheidet sich nicht so sehr von Anthony Chenes Filmen: Da sitzt ein Mensch und spricht über sein Leben, und Landschaftsaufnahmen oder symbolische Bilder werden behutsam und sparsam dazu eingespielt. Die echte Todeserfahrung nimmt nur wenig Zeit ein; wir lernen diesen Menschen gut kennen, der wie Sharon Ward ungeschminkt über sein/ihr Leben spricht.

Sharon mag 70 Jahre alt sein und kommt aus einem Ojibwa-Stamm in der kanadischen Region Manitoba (wo ja auch, im Lake Manitoba, Manipogo leben soll …). Noch in den 1960-er Jahren wurden die Indianer unterdrückt und zwangsweise assimiliert. Wer Kenntnisse von geheimen Praktiken besaß, konnte im Gefängnis landen. Man steckte die Indianer in besondere Schulen, und Sharons Mutter verbrachte 9 Jahre dort, wo es viel Missbrauch gab. Es herrschte Gewalt, manch ein Kind starb und wurde in der Nacht beerdigt, und nicht selten missbrauchten Priester und Nonnen ihre Zöglinge.

1966 durften die Indianer zu Alkohol greifen. »Nun ging unser Leben in die Hölle«, sagte Sharon Ward. Ihre Mutter war andauernd betrunken, sie selber griff als Teenager zu Marihuana. Mit 15 wurde sie Mutter. Ihre eigene Mutter jagte sie in den Schneesturm, ihr Freund rettete sie. Im  Waisenhaus, dann ein Leben auf den Straßen von Winnipeg. Ihr Ehemann war Alkoholiker, und sie gab ihm Geld, damit er verschwände. Sharon kümmerte sich um ihre jüngeren Brüder und Schwestern. Doch sie war süchtig und gewalttätig geworden; andere hatten Angst vor ihr. Scham und Schuld überwältigten sie schließlich. Sie goss den Inhalt von 3 Pillendosen mit Whisky hinunter, weil sie es satt hatte.

Da kommt mir die Geschichte von Ingrid Wenger in den Sinn, die sie auf Empirische Jenseitsforschung erzählte. Sie war jung und verzweifelt, zog sich in ein Dachstübchen zurück und nahm Pillen mit Alkohol. In der Nähe besuchte ihr Bruder ein Fest, als ein Mann im braunen Anzug zu ihm ging und ihn beschwor, er solle nach seiner Schwester schauen, sie sei in ihrer geheimen Ecke. Niemand kannte den Mann. So wurde Frau Wenger gerettet, und der Beitrag heißt Rettung durch den Schutzengel.    

Sharon Ward:

Plötzlich höre ich die Stimmen meiner Brüder und Schwestern, die mich anklagten: Wie konnte sie uns so etwas antun? Ich spüre ihren Schmerz; ich war ja ihre Mutter – und hatte mich immer so unbedeutend gefühlt. Eine Stimme sagte: »Siehst du dieses Licht? Geh darauf zu!« Es war erst winzig klein und wurde dann größer: gerade so groß, dass ich hindurchschlüpfen konnte. Dieses schöne, schöne Licht, das war Liebe, wie ich sie noch nie empfunden hatte! Ich weinte wie ein Kind. »Sharon!« sagte die Stimme: »Der Schöpfer hat mich geschickt, um mit dir zu reden. Du hast einen Job übernommen, bevor du geboren wurdest. Niemand anders kann das tun.«

Und wie das immer ist: Sie wollte bleiben und durfte nicht. Die Schwester rief gerade die Behörden um den Totenschein an, da wachte sie auf und ging ins Badezimmer. Ihre Haut war grau, ihre Lippen waren blau. Sie hatte verstanden:

Ich hatte eine neue Chance bekommen. Wenn die Natur sich selber heilt, können wir das auch. Aber wo anfangen? Bei den Traditionen unseres Stammes. Eigentlich durften nur Männer in die Schwitzhütten gehen, um sich zu reinigen; doch die Männer waren im Gefängnis. Heile dich! Akzeptiere alles, was du an Missbrauch erfahren hast! Nun fühle ich mich nicht mehr als Opfer und bin auch keine wütende Frau mehr. Ich kann in den Spiegel blicken und sagen: Ich liebe dich. Und ich meine es.  

Die Heilung musste bei mir anfangen. Auch wenn du jemandem vergibst, ist das für dich. Der Glaube an den Schöpfer ist unabdingbar. Er/sie liebt jeden Menschen. Wir sind alle miteinander verbunden. Ich bin mit jeder Art Leben verbunden. Und das Leben ist heilig. Ich habe überlebt. Heute bete ich andauernd für andere Menschen. Ich freue mich schon auf die andere Seite. Hier ist es schon manchmal wie in einem Gefängnis. (Lacht.)

 

Oben links ein Pfahl der Indianer in Kanada, fotografiert von Theodor Horvdzak (1890-1971); rechts die Portage Avenue in Winnipeg, fotografiert 1923; Dank an die Library of Congress in Washington D. C. Das Bild unten ist aus den Abruzzen

 

 

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