Fußball kurios
Heute beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in den USA und in Mexiko. Also ein Fußball-Beitrag, herausgeholt aus dem Fundus früherer Arbeiten. Ich wollte dem Fußballspiel immer einen tieferen Sinn abgewinnen, aber es kann sein, dass das niemanden interessiert. Im Folgenden Auszüge aus Magischer Sport, immerhin als Ebook verfügbar. 4,99 Euro!
Das wurde vor 30 Jahren geschrieben, und wieviele Fußballspiele gab es seither? Hunderttausende? Mit hunderttausend Toren? Fußball gibt es immer noch, er ist omnipräsent, nur sind die Darsteller eben andere, und die damaligen Helden pflegen nun ihren Garten, ihren zerschundenen Körper oder ihr Portfolio.
Fangen wir so an:
Europacup-Endspiel Saragossa gegen Arsenal London, Sommer 1995: Ein Spanier hält einfach drauf, drischt in der letzten Minute, 45 Meter vor dem Tor befindlich, die Kugel in Richtung Gehäuse: eine unsinnige Handlung, keine Frage, eine Verzweiflungstat. Der Ball fliegt hoch, weg aus dem Blickfeld der Kameras; von steil oben senkt er sich dann, erstaunlich gemächlich, auf das Tor; der englische Torwart ahnt Böses, stolpert rückwärts, Panik in den Augen, der Ball strebt boshaft weg von ihm und seiner ausgestreckten Hand, plumpst (»wie eine reife Pflaume«) dorthinein, wohinein er soll und nicht soll: Und der Torwart fällt hintennach. Entsetzen auf der britischen, fassungslose Freude auf der spanischen Seite. 1:0, darauf der Schlusspfiff. Sieg Saragossa.
(Dann sieht man nach vielen, vielen Jahren wieder ein paar Mal hintereinander die ARD-Sportschau – und gleich ein aus 41 Meter erzieltes Tor, durch einen Weitschuss und durch einen Spieler des HSV, und man denkt sich: Kuriose Szenen sind nicht Einzelfälle. Eine Bundesliga-Saison, das sind drei Wochen Fußball am Stück, Tag und Nacht. Ließe man die Mannschaften einige Jahrtausende lang unaufhörlich gegeneinander spielen, müsste es geschehen, dass sich eine Szene exakt wiederholt; und dann begänne womöglich die ganze Schöpfung von neuem.)
Ror Wolf, deutscher Schriftsteller vom Jahrgang 1932, hat von 1966 (»erste Ballberührung«) bis 1979 (»letzte Ballberührung«) deutsche Fußballgeschichte mit Bosheit und dem Blick fürs Absurde in Szenen und Sagen dokumentiert. In der Zeitschrift Soccer World hat er folgende berühmt gewordene Geschichte gefunden:
Mittelstürmer Georg Davidson vom FC Southampton trat den Ball bis Australien. Im Spiel gegen Bolton Wanderers hob er den Ball weit über das Tor. Der Ball schwebte über die Stehränge hinweg, flog hinaus und landete auf einem vorbeifahrenden Lastwagen, dessen Ladung gerade auf ein Schiff gebracht wurde. Von der englischen Hafenstadt Southampton schaukelte der Ball leicht nach Australien, Afrika entlang, um das Kap der guten Hoffnung herum, zwanzigtausend Kilometer weit. In Melbourne wurde die Ladung gelöscht. Man staunte nicht schlecht, als man zwischen den Kisten den englischen Fußball fand.
Fußball ist ein rollender Ball, umgeben von wild agierenden Komparsen.
Die Mannschaft ist eine dynamische, instabile Größe. Deshalb ist die Aufgabe des Trainers so schwer: Seine Aufgabe ist es, aus dem Spielermaterial eine Mannschaft zu formen. Er sollte die Stärken und Schwächen jedes einzelnen erkennen, dessen Tagesform in Rechnung stellen und – in Abstimmung mit der zu erwartenden gegnerischen Aufstellung – eine möglichst schlagkräftige Formation aufbieten. Dabei muss künstlich Gemeinschaftsgeist erzeugt werden.
Bisweilen passiert Ungeheuerliches. Gut dokumentiert ist der legendäre 7:1-Sieg von Borussia Mönchengladbach über Inter Mailand im Oktober 1971. Ein Spieler erzählte:
Und plötzlich kamen wir in einen Rausch hinein, der nicht zu stoppen war. Der war nicht mehr zu stoppen. Völlig ausgeschlossen. … An diesem Tag hätten wir alles überspielt, egal, was sich uns in den Weg gestellt hätte. Wir hätten an die Eckfahne schießen können, irgendwer wäre dagewesen, der das Tor hineingemacht hätte. Die Italiener konnten sich nicht dagegenstemmen. Die haben alles versucht, aber es war aussichtslos. Wir waren nicht zu bremsen. Wir waren wirklich nicht zu bremsen.
An diesem Abend des 20. Oktober 1971 schlug in der achten Minute Günter Netzer einen seiner Pässe, Hacki Wimmer setzte sich gegen Guibertoni durch und passte kurz zu Heynckes: 1:0. Das 2:1 und 3:1 schoss Le Fèvre in der 22. und 33. Minute. Als Günter Netzer sich in der 42. Minute einen Freistoß zurechtlegte, wusste jeder, dass er jetzt dran war. 4:1. Heynckes schob das 5:1 zwei Minuten später hinterher. 5:1 zur Pause. Es wurde geschrieben:
Die Gladbacher spielten so befreit, so entfesselt auf, wie man es von einer deutschen Mannschaft bis dato nicht gesehen hatte. Ein Wirbel wie in einer Champagnerflasche, voller Kabinettstückchen, voller Kombinationen, die uneinsehbar waren, dazwischen der raumgreifende Schritt Günter Netzers, der mit seinen Zuspielen das Spielfeld bis in seine letzten Leerstellen ausweitete.
1971! Das war ja fast die Steinzeit des deutschen Fußballs! Und wahrscheinlich hat keine Kamera das aufgezeichnet. Am 24. August 1963 fing die deutsche Fußball-Bundesliga an, das regelmäßige Fernsehen im Dezember 1952. Das nur für die Historiker.
Die Bilder: Pier Paolo Pasolini (1923-1975), der Dichter und Regisseur, war begeisterter Fußballspieler. Im mittleren Bild steht er neben Gianni Morandi, dem Sänger und Entertainer, der heute 81 Jahre alt ist.
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