Rückkehr ins Leben (26): Auf dem Strom

Der deutsche Schriftsteller Hermann Schulz wurde 1938 in Tansania geboren und kam 1960, als 22-Jähriger, nach Wuppertal. Das dritte seiner 25 Bücher heißt Auf dem Strom und erschien 1998: Ein Missionar bringt sein schwerkrankes Kind mit dem Kanu in die Hauptstadt, und diese Fahrt wird für ihn und das Kind zu einer existenziellen Erfahrung.

Es ist eines dieser knappen (120 Seiten), aber inhaltsschweren Bücher. Der Missionar Friedrich Ganse kommt heim nach Bujora und muss sehen, dass seine Frau Eva gestorben ist und seine kleine Tochter todkrank. Man rät ihm, sie sogleich auf dem Strom in das Krankenhaus der Hauptstadt zu bringen. Er bricht auf. Ganse muss auf Krokodile und Flußpferde und gefährliche Strömungen achten, und immer wieder muss er anlegen, weil er und das Kind Hunger haben und ein Nachtquartier brauchen.

Sie stehen oft Einheimischen gegenüber, deren Sprache der Missionar nicht spricht, aber Worte sind unnötig. Überall kümmern sich kundige, mildtätige Frauen um seine Tochter, überall bekommen sie zu essen und gute Tipps für die weitere Reise. Er müsse mit ihr sprechen, bedeutet man ihm; und so erzählt er Gertrud, der Kleinen, Geschichten aus seiner Jugend.

Einmal trifft er eine Frau, Amina, die Englisch spricht. Sie sagt, er habe alles richtig gemacht. Wie sie das meine: dass er alles richtig gemacht habe, will der Missionar wissen. Amina:

Weil sie noch lebt; mehr weiß ich nicht. Vielleicht war es richtig, mit ihr auf die Reise zu gehen. Sicher war es richtig, ihr auf dem Fluss Geschichten zu erzählen. Es müssen schöne Geschichten gewesen sein, Ihre eigenen Geschichten. Das hat sie mir gesagt. Das war vielleicht das Wichtigste an dieser Reise, dass sie nicht allein war. Ihr Leben war wie eine verlöschende Flamme, müssen Sie wissen. Sie brauchte viel Liebe und Anteilnahme, um weiterzubrennen. Und schützende Hände.

Sie haben sie am Leben gehalten … mit Ihrer Bereitschaft, mit ihr den Kampf aufzunehmen. Sie haben ihr gegeben, was sie brauchte. Vielleicht hat das kleine Mädchen ihren Vater noch nie so erlebt, so nahe, so liebevoll, so voller Sorge. Es gibt Augenblicke, da braucht man jemanden für sich allein. 

Dann nähern sich die ersten Hütten der großen Stadt, beschattet von Palmen. Friedrich Ganse freut sich.

Ein Gefühl der Zufriedenheit wuchs in seinem Innern, wurde stärker und stärker. Er hatte es geschafft, er hatte sein Kind lebend und heil in die Stadt gebracht. War das die große Tat, von der er seine ganze Jugend lang heimlich geträumt hatte? Er fühlte sich nicht wie ein Held, aber er spürte, dass er dem Leben nie so nahe gewesen war wie in den vergangenen Tagen. 

 

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