Das Drama und die Helden
Zum Ende der Fußball-Weltmeisterschaft wieder etwas Theoretisches von Altmeister Gunter Gebauer, der lange Jahre Professor für Sportphilosophie in Berlin war. Das klingt natürlich immer kryptisch (verschlüsselt) und hermetisch (verschlossen), aber es ist was dran. Was bedeuten diese Wettbewerbe, was steckt dahinter?
In Körper- und Einbildungskraft schrieb Gebauer:
Athleten werden zu Helden aufgrund von Darstellungen in Bildern und Texten. Sie leben in vorgefertigten Geschichten und scheinen Lesern und Zuschauern ganz nahe zu sein, aber zugleich sind sie von Unwirklichkeit bedroht. Der Held des Sports ist künstliche Person im Sinne von persona, Maske. Er hat einen inneren Text mit seinen Anhängern gemeinsam, erst dieser macht ihn zum Helden, dem man nachfolgen kann und dessen Siege Glück hervorrufen.
Im selben Buch, das 1988 erschien, lesen wir:
Der Sport als extrem individualistisches Handlungssystem ist ohne Verbindung mit übergeordneten Werten; er ist reine Gegenwart, Spannung, Ästhetik, Können, Leistung – ohne tiefere Bedeutung. Der Körper ist dabei von allen aus holistischen Ideologien stammenden Einschränkungen und Forderungen befreit und unter die ökonomische Kategorie der Knappheit subsumiert worden. Auf diese Weise wird er zu einem universalen Vergleichssubjekt, zu einem Gegenstand von Bewunderung und Spiel ohne weitere Verpflichtung (wie z. B. in der Erotik).
Und zum Spektakel der Wettbewerbe äußert sich der Professor so:
Das Drama ist ein rituelles Nachspielen einer fundamentalen Krise einer Gemeinschaft, die durch Entdifferenzierung hervorgerufen worden ist. Der Ausgang ist das Zusammenbrechen der alten Ordnung, die Lösung das Herstellen einer neuen. Der Wettkampf ist analog zum Drama eine rituelle Mimesis (Nachempfinden) einer Gemeinschaftskrise. Die von den Minderheiten ausgehende Entdifferenzierung stellt den Keim einer wirklichen Krise dar. (…) Dem Ritual des Wettkampfs wird die Funktion der Ordnungsstiftung zurückerstattet. Wie die Opferriten hebt er eine Person hervor, trennt sie von der Menge und stellt sie dieser gegenüber; oft wird sie sogar Gegenstand von Verehrung.
Und dann noch ein Fußball-Zitat von Rudi Gutendorf (1926-2019), der nach einer Karriere im deutschen Fußball ins Ausland ging und etwas vorwegnahm, was heute alle Fußballteams praktizieren. In seinem 1987 erschienenen Buch Ich bin ein bunter Hund denkt er an die Zeit zurück, als er Nationaltrainer von Botswana war.
Vor dem Rausgehen versammelte ich meine Elf um mich. Wir bilden einen Kreis und geben uns die Hände. »Wenn ihr kämpft wie eure alten Krieger, sind wir unschlagbar«, sage ich fast flüsternd, dann schreie ich als Kontrast wie besessen, nein, es ist kein Schrei, es ist ein Blitz aus purer persönlicher Energie, der sich auf die Jungs übertragen muss. Aus meinen Augen sprühen Funken. »Raus, ihr Leoparden, zerreißt die Kaninchen aus Sambia!« – »Out you leopards, we fuck the Sambian rabbits!« Die Spieler drücken sich die Hände, dass es knackt. Alle sehen jetzt aus, als gehe es zu einem Ritt durch die Hölle.
