Der vorletzte Spieltag

Ein wunderbares Interview von Jorge Valdano aus Argentinien gelesen plus andere Analysen. Wir dürfen den Fußball nicht vom Geld und der Technik und den Medien bestimmen lassen. Nun wollte ich auch etwas Philosophisches beitragen, und beim Radfahren fiel mir wie üblich etwas dazu sein. Das trägt uns weit fort, heute, vor dem Spiel um Platz drei.

Es war höllisch dramatisch. Und wie immer in solchen Turnieren gab es Spiele, die knapp ausgingen, und mehr als je zuvor überraschten die kleinen Nationen. Fragwürdige Entscheidungen, Pech in der letzten Minute, Panik am Schluss und die Führung verspielt … Es hätte alles anders laufen können. Wir hätten als die letzten vier Teams auch Senegal, Norwegen, Marokko und die Schweiz haben können.

Das Faktische und das Mögliche. Arnold Toynbee hat über die Geschichte einmal gesagt, sie zeige nur eine Version der Ereignisse: das, was sich ereignet hat. Es hätte auch anders laufen können. Und wie im Fußball ein Tor das ganze Spiel umwirft, das danach einen anderen Weg geht, so entschieden in der Weltgeschichte auch Zufälle, Wetterkapriolen und blödsinnige Entscheidungen von politischen Führern über das, was danach geschah. Und diese ganze Bündelung von Zufällen brachte uns in dieses JETZT.

War das in unserem persönlichen Leben nicht auch so? Es gab glückliche Zufälle, es gab geniale Begegnungen, aber auch Fehlentscheidungen und schwer erklärbares Versagen. All das Zusammenwirken von Faktoren hat uns hierhergebracht. Wir könnten woanders sein, wären aber dennoch immer noch wir.

Andere Entscheidungen und Lebensläufe leben wir in anderen Inkarnationen aus, die womöglich jetzt gerade ablaufen, zeitgleich. Diese Zeilen sollen nur darauf hinweisen, dass wir die Realität nicht überschätzen sollten. Sie ist wie im Fußball von vielen Faktoren abhängig. Was hätte nicht alles geschehen können! Wir hätte ein Million unterschiedliche WMs, doch diese Welten, die Everetts Viele-Welten-Theorie nennt und für möglich hält, können keinen Bestand haben, sie wirbeln als graue Wolken um uns her. Es mag parallele Welten geben, doch werden es nicht Millionen sein.

Wir sind hier, das ist schon ein großes Wunder. Wir sind unseren Weg gegangen und wissen nicht, was wir so gewollt haben oder was uns vorgezeichnet war. Es ist ja alles ein großes Wunder, von dem wir nur einen Bruchteil erahnen können. Nehmen wir unser Leben als ein Spiel, nehmen wir es nicht allzu ernst!

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Nach dem Spiel England gegen Argentinien vor 3 Tagen noch ein Gedanke: Was entscheidet? Meiner Meinung nach ist es letzten Endes eine Kopfsache. 60 Prozent Kopf, 40 Prozent Körper. Da sind große Stars beisammen, am Können fehlt es nicht, und motiviert sollten sie sein! Das eigene Land ins Finale bringen! Frankreich lässt sich von Spanien beherrschen; England, in der ersten Halbzeit halbwegs brillant, lässt sich plötzlich hängen, steht hinten drin, sieht ohnmächtig zu, wie die Argentinier 5 oder 6 Mal fast das Tor erzielen, und dann das 1:2, sie wachen auf, doch es ist zu spät-

Es lag gewiss nicht am Trainer. Tuchel wird ihnen eingeschärft haben, dass sie dicht davor stehen, nach 60 Jahren das Mutterland des Fußballs wieder in ein Finale zu schießen … doch Ratlosigkeit. Letztlich ist es ein Kampf zweier Willen. Der stärkere Wille setzt sich durch. Leidenschaft siegt. Schopenhauer hat immer den Willen betont. Der Wille eines Kollektivs besiegt den Willen eines anderen.

Da können Millionen brüllen: Wenn die Elf nicht richtig an den Sieg glaubt und dem Gegner den eigenen Willen nicht aufzuzwingen vermag, wird das nichts. Man reagiert nur noch und rennt ziellos umher. Kein Kapitän kann das Schiff am Sinken hindern, es ist verloren.

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