TestpilotInnen (116): Ehefrau und Mutter, 34 Jahre
Jetzt geht es wieder tief hinein in die Nahtod-Erfahrungen; oder weit weg von ihnen? Denn manipogo will sie in neue Zusammenhänge bringen, will »the bigger picture« (den Überblick). Es reicht nicht, 100 solcher Erfahrungen bloß zu schildern; wir wollen uns neue Fragen stellen, um unser Weltbild neu ordnen zu können.
In meinen Papieren fand ich die Kopie eines Artikels, der 1967 in dem American Journal for Psychiatry erschien, der meist gelesenen Psychiatrie-Zeitschrift der Welt. Der Psychotherapeut R. C. A. Hunter schrieb Über die Erfahrung, beinahe zu sterben – und das zehn Jahre, bevor Raymond Moody sein Life after Life veröffentlichte (1975), das sich Millionen Mal verkaufte und Nahtod-Erfahrungen zu einem Allgemeingut machte.
Hunter hatte seine Patientin 8 Monate in Behandlung, als die scheinbar völlig gesunde Frau plötzlich und unerwartet beinahe gestorben wäre. Es handelte sich um eine 34 Jahre alte Mutter von 3 Kindern, die mit einem Mann verheiratet war, der drauf und dran war, Karriere zu machen. Sie nannte sich ein »verzogenes Kind«, und an ihren Mann stellte sie hohe emotionale Ansprüche. Dann wurde dieser krank und entwickelte eine Depression, mit der seine Frau nicht zurechtkam. Er sagte zu ihr, sie solle »endlich erwachsen werden«. So begab sie sich in Therapie.
Die Patientin hatte nach einer Sitzung einen Termin bei ihrem Zahnarzt, der beim Röntgen einen Abszess feststellte und ihr Penicillin verschrieb. Bei der Heimfahrt wurde ihr schlecht, und sie konnte kaum mehr atmen. Sie kam ins Krankenhaus und bekam Adrenalin, was sie rettete. In ihrer Familie war keine Penicillin-Allergie bekannt.
Dann erzählte sie: Sie habe in rascher Folge Bilder aus ihrer Kindheit gesehen, habe »Seligkeit« und »Ekstase« empfunden Sie sah ein Bild des Taj Mahal, dieses indischen Monuments, das ein Maharadscha für seine verstorbene Frau hatte errichten lassen. Es war voller schöner Farben. Sie wollte mit ihren Emotionen alleingelassen werden, als man ihr Sauerstoff verpasste und sie weckte. Die Frau erinnerte sich noch, sie habe eine tiefe Sympathie für ihren Ehemann entwickelt, habe sich etwas geschämt, und sie werde nie mehr Angst vor dem Sterben haben.
Sie analysierte gemeinsam mit ihrem Psychiater, dass es sich um eine Art Flucht gehandelt habe, auch vielleicht um Rache an ihrem Mann, aber sie habe es nicht mehr kontrollieren können. Sie habe von allergischen Reaktionen gewusst, und vielleicht habe sie diese selbst hervorgebracht.
Der Psychiater schrieb:
Als die Patientin auf die Reanimation zu reagieren begann, wollte sie nicht aufwachen und genoss einen betont »wunscherfüllenden« Traum in der Form einer Halluzination, die zu ihrer Lebenssituation passte und auf die Bedrohung ihres Lebens regierte.
≈ Π ≡
Man lässt sich von einem Psychiater gern etwas einreden. Da geht es um Schuldgefühle und unbewusste Strömungen, und die Therapeuten kommen gern zu dem Schluss, man habe sich selbst etwas »eingeschenkt«.
Doch wir wollen diesen Gedanken ernst nehmen. Die TestpilotInnen sind überwiegend Frauen (die sind sensibel) und haben sehr oft eine schwere Kindheit gehabt. Manchmal haben sie das Gefühl, etwas falsch gemacht, ihren Weg nicht gefunden zu haben; oder sie sind in einer anderen schweren Krise. – Dann geschieht das Unglück, das sie verwandelt.
Damit möchte ich sagen, dass manche Unfälle mit nachfolgender Nahtod-Erfahrung nicht zufällig geschehen. Sie mögen unbewusst herbeigeführt worden sein, und denkbar ist auch, dass eine höhere Macht eingriff, um jemanden auf den richtigen Weg zu lenken: Ein Leben, das in der Sackgasse steckte, musste sich grundlegend verändern. Vielleicht wurden diese Menschen ausgewählt, um für die Andere Welt (und ihre Mitmenschen) zu wirken. So wurden sie zu Visionären, zu Schamaninnen und Schamanen. Von ihnen demnächst mehr.
