TestpilotInnen (117): Die Schamaninnen von heute

Wir haben unter den TestpilotInnen ja viele Frauen, müssen uns also an die Schamaninnen gewöhnen. Ein Satz von Kenneth Ring in einem Buch von 1992 entzündete bei mir ein Feuerwerk: Die Nahtod-Erfahrungen ähnelten frappierend der Einweihung (Initiation) der Schamanen, die nach einer todähnlichen Exkursion zu Medizinmänner (und -frauen) wurden.   

Stellen wir uns ein Dorf in Nigeria vor, im Kongo oder auch in Sibirien. Da gibt es einen anerkannten Medizinmann (meist ein Mann), der immer Ausschau hält nach einem Nachfolger. Manchmal sieht er in der Schule ein Kind, das anders ist als die anderen; oder eines, das häufig krank ist. Der Medizinmann spürt, wer geeignet ist. Er sucht sich vielleicht 3 Kandidaten aus, die, wenn sie das Jünglingsalter erreicht haben, mit ihm in eine Hütte oder in den Wald gehen.

Sie singen, nehmen Drogen und leben tagelang in der Dunkelheit. Dann haben sie Visionen und auch Begegnungen mit Dämonen: Es ist eine Reise in die Anderswelt. Manche fühlen sich zerstückelt und später erneuert und dem Leben zurückgegeben. Wer das schafft, hat das Zeug zum Schamanen, wird ausgebildet und bald selbst ein Medizinmann sein.

Mircea Eliade (1907-1986), der große rumänische Ethnologe, schrieb:

Die Schamanen müssen wie die Abgeschiedenen im Lauf ihrer Unterweltsreise eine Brücke überschreiten. Wie der Tod enthält auch die Ekstase eine »Veränderung«, welche der Mythus plastisch durch einen gefährlichen Übergang ausdrückt. Die Symbolik der Totenbrücke ist überall verbreitet. 

Das während der Initiation enthüllte Geheimnis ist gerade das folgende: dass der Tod niemals endgültig ist, da die Toten zurückkehren. 

Die »komplexe Symbolik des Waldes und der Hütte«: es handelt sich sowohl um ein Symbol des Jenseits, also des Todes, wie um ein Symbol der Finsternis, der Schwangerschaft im mütterlichen Schoß. 

Carlo Ginzburg (geboren 1939), ein italienischer Mythenforscher:

Durch Jahrtausende hindurch hat die Reise ins Jenseits Mythen, Dichtungen, Ekstasen, Riten genährt. Um dieses Thema hat sich eine Erzählform herausgebildet, die auf dem gesamten eurasiatischen Kontinent, mit Ablegern auf den beiden amerikanischen Kontinenten, verbreitet ist. Tatsächlich wurde gezeigt, dass die Grundstruktur der Zaubermärchen, die auf Wanderungen des Helden beruht, das Thema der Reise (der Seele, des Initianden, des Schamanen) in die Welt der Toten aufnimmt. 

 

φ ⊆ φ

Die Reise ins Jenseits war beim Schamanen eher eine Reise ins eigene Innere, in die eigenen Dunkelheiten. Aber denken wir an außerkörperliche Erfahrungen: Nicht auszuschließen ist, dass die Initianden auch tatsächlich andere Welten durchstreift haben. Bei Ginzburgs »Erzählform« musste ich an den französischen Strukturalisten Claude Lévy-Strauss (1908-2009) denken, der einmal gesagt hat, die Mythen seien autonom, sie bräuchten den Menschen nicht, sie unterhielten sich untereinander. Kenneth Ring spekulierte in The Omega-Project sogar, die Nahtod-Erfahrungen könnten von der Anderen Welt unterstützt worden sein, um eine weltweite Bewusstseinsveränderung herbeizuführen.

Statt dem Schamanismus mit seiner Einweihung haben wir heute die Nahtod-Erfahrungen, die – passend zu unserem materialistischen Zeitalter – ganz konkret sind. Symbolik bewegt heute niemanden mehr; die TestpilotInnen waren tatsächlich dort, kehrten verändert zurück, sehen nun Geister, können beraten und heilen. Nennen wir sie also die Schamaninnen unserer Tage.

 

Das Bild oben links ist von William J. Carpenter (etwa 1910), das mittlere weiß ich nicht mehr, und unten präsentierte sich so 2015 Eleanor Ward bei einem Treffen der amerikanischen Ureinwohner in Pueblo, Colorado; das Bild ist von Carol M. Highsmith. Alle 3 stammen aus der Sammlung der Library of Congress, Wash. D. C. Vielen Dank! 

 

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