TestpilotInnen (118): Visionäre und Propheten

Und nun noch einen Brückenschlag zu mittelalterlichen Visionären und alttestamentarischen Propheten. Sie verkündeten mit gewisser Autorität Warnungen oder göttliche Ratschläge, und natürlich ging dem ein Bekehrungserlebnis voraus. Paulus zum Beispiel stürzte vor Damaskus zu Boden, hörte Gottes Stimme und war hinfort kein Christenverfolger mehr.

In unserer verweltlichten Zeit hat der Begriff Visionär eine Erweiterung erfahren. Die Künstliche Intelligenz nennt neben Leonardo da Vinci und Mechthild von Magdeburg als Visionäre ganz locker Elon Musk und Steve Jobs. Musk etwa fördere die Raumfahrt (diese sinnlosen Ausflüge ins All?! diese Milliarden sollte man für Arme verwenden). Der Mann, der nun eine Billion Dollar besitzt, beteiligte sich immerhin aktiv daran, Hunderttausende zu entlassen und die US-Entwicklungshilfe zu kippen. Ein Anti-Visionär!

Die Propheten im Alten Testament (Baruch, Habakuk, Micha, Jeremias, Jesaja und Ezechiel) gaben Gottes Wort weiter und nannten am Anfang ihrer Bücher stets ihre Legitimation. Das Wort Gottes erging an mich … Oder: Ich hatte eine Vision.  Aus einem brennenden Dornbusch heraus wird Moses von oben angesprochen.

Vorhalle der Stiftskirche Reichersberg in Oberösterreich: Moses und der brennende Dornbusch

Dies sind aber keine Nahtod-Erfahrungen. Die mittelalterlichen Visionäre etwa waren oft schon im Kloster und erhielten nach viel Askese und Bußetun manchmal einen »Anruf«, von dem sich wohl auch die Berufung herleitet. Warum fühlt sich jemand berufen? Auch hier ist oft ein Erlebnis der Auslöser. Ich habe ja erzählt, wie mich ein Anruf zur Beschäftigung mit dem Jenseits brachte: Ein Mann vom Kommunikationsmuseum in Bern fragte mich telefonisch, ob ich nicht eine Ausstellung Kontakt mit dem Jenseits vorbereiten wolle? Das war im Februar 2008, und seither bin ich unermüdlich dran am Jenseits. Und bin ja auch ein Prophet, ein einsamer Rufer in der Wüste.

Mechthild von Magdeburg (1207-1282) wurde im Alter von 12 Jahren »in überaus seligem Fließen vom heiligen Geiste gegrüßt, dass ich es nie mehr über mich brächte, mich zu einer großen, täglichen Sünde zu erbieten.«

Der persische Religionsgründer Mani (216-276) hatte zwei Visionen, eine mit 12 und die zweite mit 24 Jahren. Dabei erschien ihm sein von Gott gesandter »Gefährte« und »unzertrennlicher Zwilling«, ein engelartiges Wesen, das er als sein anderes Selbst betrachtete.

Rechte Seite eines Frieses (wo, ist nicht angegeben), fotografiert 1902 von John Singer Sargent (1856-1925(. Dank an die Library of Congress, Washington D. C.

Freilich gab es im Mittelalter, das immer hinter dem Heil her war, viele Visionäre, die manchmal durch die Straßen schweiften und Reden hielten. Man hatte keine Kriterien dafür, um zu entscheiden, was ein echter und was ein falscher Visionär war, denn zuweilen verkündete ein solcher auch paradoxe und absurde Ansichten. Vermutlich werden auch ein paar psychisch angeschlagene Menschen unter ihnen gewesen sein, vielleicht Schizophrene, die Stimmen hörten.

Man zog in Mittelalter als Erklärung Dämonen heran oder gleich den Teufel. Doch fraglos kamen (schon in Kalabrien) Fälle von Besessenheit vor, die den Besessenen heilkräftige Gaben verliehen. Im Judentum wird geglaubt, dass manche Seelen in einem Körper neu eintreten, um gute Taten zu vollbringen. Einen bösen Geist gibt es auch: den Dybbuk.

Damit will ich nur sagen, dass es Umschwünge in einem Leben gibt auch ohne Nahtod-Erfahrung. Doch diese einschneidenden Begegnungen (mit einer Stimme oder einer Vision) krempeln das Leben eines Menschen um und überzeugen ihn davon, sie müssten der Menschheit die Wahrheit bringen. Ihr umstürzendes Erlebnis ist in dem Sinn eine Nahtod-Erfahrung, dass ihr altes Leben ausgelöscht wird und ein »neuer Mensch« sich vollständig seiner Mission widmet.

Diese »Rückkehr ins Leben« nach einer tiefen Erfahrung mit tiefen Emotionen ist irgendwie ein Grundton bei manipogo. Dass es bei einzelnen Menschen möglich ist, nährt die Hoffnung, dass die Menschheit eines Tages auch eine (dringend nötige) Erweiterung des Bewusstseins erleben könnte.

 

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