Der letzte Tag von Oradour
Der letzte Tag von Oradour ist ein kleines Buch von Lea Rosh (sie wird Anfang Oktober 90 Jahre alt!) und Günther Schwarberg. Das muss der 10. Juni 1944 gewesen sein, als deutsche Soldaten die 640 Bewohner des Dorfes Oradour-sur-Glane im Limousin zusammentrieben, alle erschossen und das Dorf in Brand setzten.
Ich will mich rechtfertigen. Es geht nicht darum, aus Sensationslust schreckliche Untaten anzuprangern, von denen es im 20. Jahrhundert zu viele gab. Nein, man will einfach wissen, was Menschen dazu treibt, den Befehlen zu folgen und Unschuldige hinzumetzeln. Wir können es ja kurz machen. Die berüchtigte SS-Einheit »Das Reich« fiel über Oradour herein. Die Männer versammelten die Dorfbewohner, Männer sowie Frauen und Kinder getrennt; die Männer wurden in 4 Scheunen getrieben, Frauen und Kinder in die Kirche. Vor den Scheunen säuberte man schön den Boden und stellte ein Maschinengewehr darauf. Dann wurde losgeballert, und fast alle starben. Die Frauen und Kinder verbrannten in der Kirche, denn alles wurde angezündet.
Heinz Lammerding, General der Waffen-SS und Verantwortlicher für das Massaker, wurde befragt, aber nie belangt. Er starb 1971 als geachteter Bürger. Ein paar Soldaten wurden verurteilt, doch nach 6 Tagen hob man das Urteil auf. Deutschland und Frankreich standen nun zusammen gegen den Kommunismus, da wollte man guten Willen zeigen. Ein Dutzend elsässische SS-Männer erhielten eine Amnestie. Es war wie nach dem Nanking-Massaker: China drängte auch nicht auf eine Aufarbeitung.
Einen jedoch erwischte es: SS-Untersturmführer Heinz Barth (1920-2007). Er war nach dem Krieg in der DDR Abteilungsleiter irgendwo, und man fand ihn und stellte ihn 1983 vor Gericht. Ein Dialog im Gerichtssaal (aus dem Buch):
Der Richter: Versuchten denn Menschen zu fliehen?
Barth: Wahrgenommen habe ich das nicht. Aber ich habe Schüsse gehört … Das war eben der Befehl, der von der obersten Führung herausgegeben worden war, dass eben alle Einwohner als Abschreckung eben zu vernichten sind. Das wurde eben gedankenlos, ohne nachzudenken, durchgeführt.
Richter: Gab es denn für Ihre Vorstellung von Befehlserfüllung keine Barrieren?
Barth: Meine Befehlserfüllung war eben, dass ich die Befehle, die ich bekommen habe, weiterzugeben habe und dass ich sie auszuführen habe.
Richter: Ohne jede Barriere?
Barth: Ich war der Meinung, wenn diese große Abschreckung bekannt wird, dass dann Ruhe herrscht und dass dann keine Untaten mehr an Deutschen durchgeführt werden, die da in Frankreich stationiert waren.
(…)
Als die Handlung abgeschlossen war, wie soll ich mich da ausdrücken, ging man gewissermaßen zur Tagesordnung über, wie man heute so sagt.

Die Opfer waren dann plötzlich Märtyrer. Und die Aufschrift „von den Deutschen getötet“ wurde umgewandelt in „von den Nazis getötet“.
Er ging dann in Häuser gegenüber der Kirche.
Barth: Da waren Kästen aufgezogen. Es wurde alles durchsucht. Da war auch eine Geldkassette, eine Kasse. Da waren Francs-Scheine drin. … Ich habe gedacht, da die Häuser sowieso in Brand gesteckt werden, wäre doch das Geld auch verbrannt. Das wäre schade gewesen. Ich wollte das Geld einfach, um mir später mal was kaufen zu können.
Richter: Hätten sie das Gleiche, was sie für das Geld empfanden, nicht auch für die Kinder empfinden können?
Es isst still in dem Gerichtssaal. Man kann die Menschen atmen hören. Keiner sagt etwas.
Richter: Ich will Ihnen die Antwort ersparen.
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Menschen sind »zu vernichten«. Der Befehl der obersten Führung ist anscheinend heilig und schlägt das fünfte Gebot der Christen, die Nächsten zu lieben (und ihn nicht umzubringen). Man zögert ein wenig, drückt dann den Auslöser, es rattert, einige wimmern, das Leid ist fern, man gewöhnt sich daran, man tut es »gedankenlos«. Da ist noch auf das Buch Ganz normale Männer hinzuweisen, in dem Christopher R. Browning die Psyche 40-jähriger Hamburger untersuchte, die den Einsatzgruppen zugeteilt waren, die im Osten Zehntausende erschossen. Da entstand Gruppendruck, man wollte nicht als Feigling dastehen. Und so wurde man zum Killer. Wenn man mal sein Gewissen zum Schweigen gebracht hat, geht das anscheinend. Eine Weile geht das gut.
