Ich – ein Team? (2)

In Teil 2 folgt ein Rückblick auf die Geschichte der MPD oder der Multiplen Persönlichkeitsstörung. Das war in den 1980-er Jahren in den USA ein großes Thema, und viele Bücher wurden darüber geschrieben, die sich alle toll lesen, weil es eine derart verrückte Störung ist.

Die Dissoziation, früher

In der Regel gelingt es uns, aus vielen Tendenzen und Widersprüchen eine stimmige Persönlichkeit zu bilden. Wer sich aufspaltet, ist nicht normal, schrieb schon Jaspers; die Ursache dafür sind meist Missbrauchserfahrungen in der Kindheit. 80 bis 90 Prozent der MPD-Patientinnen wurden als Kinder sexuell missbraucht. In meinen damaligen Büchern waren die Leidenden meist Frauen (auf 8 oder 9 Frauen kam ein Mann) im Alter von 28 bis 35 Jahren. Ein Autor schrieb:

MPD ist ein kleines Mädchen, das sich vorstellt, dass der Missbrauch jemandem anderen zustößt.

Dabei entstehen neue Persönlichkeitsanteile, die vorher nicht da waren. Diese »Alters« (von Alter Ego, anderes Ich) warten in den Kulissen, dann drängt sich einer vor, schaut sich um und übernimmt den Körper. Manche Patientinnen haben Regeln aufgestellt: »Wer meinen Körper ins Büro gebracht hat, schafft ihn auch nach Hause!!« Frank Putnam erinnerte sich an Carrie, die mit jemandem Sex gehabt hatte, sich jedoch nicht daran erinnerte; den Sex genoss ein anderes Fragment, das speziell dafür geschaffen worden war.

Ralph Allison staunte:

Es gibt eine unendliche Welt in unseren Köpfen, und erst allmählich dringen wir in diese Geheimnisse ein.

Da denken wir unwillkürlich doch an unsere Diamantseele! Sie ist die Entsprechung in der Geistigen Welt zu den vielen Ichs hier. Andere Aspekte unserer Seele haben andere Erfahrungen gemacht, doch gibt es keine Konflikte, weil uns Jahrhunderte trennen und jede »Facette« einen eigenen Körper besitzt.

Putnam, der Therapeut, wünschte sich eine Fusion. Die negativen Persönlichkeiten verdrängen! Doch ein Drittel der Patientinnen kann nicht geheilt werden. Für die Therapeuten ist das ganz schön anstrengend. Einer schilderte, er sei in einer Nacht zehn Mal angerufen worden, immer von einer anderen Person in seiner Patientin. Und Colin Ross schrieb damals, er spiele gern den Schamanen, dem er sich als MPD-Therapeut verwandt fühle.

Der Schamane fühlt bei seiner entbehrungsreichen Einweihung, er werde »rituell zerstückelt« und müsse danach wieder ganz werden und seinen neuen Job starten. Treffend ist der Ausdruck »Osiris-Komplex« für diejenigen, die unter der dissoziativen Identitätsstörung leiden, Osiris, Ehemann (und Bruder) der Isis, wird von seinem bösen Bruder Seth (unser Kommunikator Seth ist aber ein Guter!) in Teile zerlegt, aber seine Gattin setzt ihn wieder zusammen und ein als Chef des Totenreichs.

Ludwig Staudenmaier spielte vor 100 Jahren freiwillig Osiris. Er bildete in sich unterschiedliche Persönlichkeiten aus. 1922 veröffentlichte er ein Buch mit dem sperrigen Titel Die Magie als experimentelle Naturwissenschaft. Staudenmaier war Chemielehrer an einem Gymnasium in Freising und experimentierte mit sich selbst. Er wollte sich vervielfältigen. Bald spaltete sich das Unterbewusstsein in eine Anzahl von Teilwesen, die sich »Hoheit«, »Kind«, »Rundkopf« sowie »Bock- und Pferdefuß« nennen ließen, und er schrieb:

Schließlich bildeten sich förmliche Personifikationen, … so dass die auftretenden Gestalten mit mir zu sprechen begannen, mir Ratschläge erteilten, meine Handlungen kritisierten usw. … Ich bemühte mich lange Zeit, eine Anzahl derselben weiter auszubilden. … Nicht selten kam ich mir fast vor wie ein Weißer, der, unvorsichtig zu weit vordringend, unter die Wilden Afrikas geriet und rings umher von ihnen bedroht wird.

Es gibt einen Wikipedia-Artikel über ihn. 1865 in Krumbach geboren, war er sogar ein Jahr Kaplan. 1923 ging er als Lehrer in den Ruhestand, zog 1927 nach Rom und starb dort 1933. Auf de großen Friedhof Campo Verano ist er bestattet. (Ich glaube, sein Grab einmal aufgesucht zu haben, aber sicher bin ich nicht.)

Der an Carl Gustav Jung geschulte Therapeut Nathan Schwartz-Salant schrieb:

Der Geisteszustand bei Borderline-Störungen ist durch Fragmentierung (Zersplitterung) gekennzeichnet. Der Therapeut hat damit zu tun, dass Ich und Objekt in nur gut und nur böse gespalten werden. Aber diese voneinander getrennten Zustände sind eigentlich eine Vielzahl von psychischen Zentren.

Harold Searle soll gesagt haben:

Ich fühle mich von diesen anmaßenden Patienten nicht einfach nur verunsichert oder überrannt, sondern merkwürdigerweise und genauer gesagt fühle ich mich ihm gegenüber in der Minderzahl.

Searle ist übrigens der Psychologe, der den Spruch prägte, jeder Verrückte sei von jemandem verrückt gemacht worden.

 

Morgen Teil 3

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