Bin ich ein Team?
Das ist, wenn mich nicht alles täuscht, das dritte Kapitel meines Buchs Diamantseele. Es heißt Bin ich ein Team? Vorher hatten wir noch Du hilfst dir selbst. Da die erste Septemberhälfte noch frei ist, schalten wir das ein. Das sind natürlich längere Texte. Blog und Social Media heißt nebenher lesen; ins Buch taucht man ein, da ist man weg (wenn Buch gut).
Los geht’s!
BIN ICH EIN TEAM?
Wir erinnern uns an das Jaspers-Urteil, alles Seelenleben sei »die ständige Synthese von Gespaltenem« und das »Zusammenhalten des zur Trennung Tendierenden«. Die Psychiater befassen sich mit der Psyche, mit dem „Seelenleben“, aber sie meinen das Gefühlsleben, nicht die Seele, wie sie religiös betrachtet wird.
Karl Menninger hat unser Bewusstsein mit einer Theaterbühne verglichen mit ganzen Gruppen wilder Schauspieler in den Kulissen, die nur darauf warten, aufzutreten — und oft im unpassendsten Moment. Peter McKellar meint, wir glichen eher einer Firma. Das wollen wir wissen!
In dem Buch Abnormal Psychology führt McKellar aus, statt mit einer Theaterbühne
… könnten wir die Persönlichkeit mit einer großen und komplexen sozialen Organisation vergleichen. In ihr konkurrieren zahlreiche Gruppen und ehrgeizige Individuen, die ihre eigenen Interessen vertreten. Wie in solchen Institutionen üblich, gibt es wenig direkten Kontakt zwischen der Chefetage und den Mitarbeitern. Oft fehlt die Empathie zwischen Teilen des Ganzen, was an ungenügender oder nichtexistenter Kommunikation zwischen ihnen liegt. Die Individuen und Gruppen wissen nichts voneinander und manchmal nicht einmal von der Existenz mancher Teams. So könnte eine Persönlichkeit aussehen.
Wie eine Firma also. Nicht nur zwei Teile, sondern viele. Manchmal bricht Anarchie aus, und es reißt das Kommando an sich, wer gerade Lust dazu hat.
Und: Ägyptisches Totenbuch:
- 48 … Dem Totenbuch zufolge werden die Konflikte, welche während unseres irdischen Lebens zwischen den verschiedenen Bestandteilen unserer Wesenheit ausbrechen, viel intensiver nach unserem Tode, wenn die irdische Hülle abgestreift wird. Die zentrifugalen Kräfte jenes zusammengesetzten Ganzen bewirken es, dass die betreffenden Bestandteile auseinandergehen und den „unsichtbaren Menschen“ einer peinlichen Prüfung unterzeihen.
In der Psychologie gibt es ein entsprechendes Krankheitsbild, das früher einmal Multiple Personality Disorder (MPD) hieß und nun in Dissoziative Identitätsstörung umbenannt wurde. Die Persönlichkeit ist das Ganze, die vielleicht aus mehreren Personas besteht, und eine Persona (das heißt übrigens Maske, weil in der Antike die Schauspieler Masken trugen) war eine Rolle.
MPD wurde bis 1920 häufig diagnostiziert, dann trat eine Pause bis 1980 ein, wonach es zu einem regelrechten Boom kam mit vielen Büchern darüber. Acht von ihnen hatte ich damals am Freiburger Institut gelesen. MPD war die ultimative dissoziative Störung.
Unter der dissoziativen Identitätsstörung leidet Bonnie Leben, die Ende Mai 2024 im Nachtcafé des Südwestfunk auftrat.
Sie leidet darunter seit den Traumata ihrer Kindheit, wozu vermutlich sexueller Missbrauch zählte. Bonnie trägt viele Personen in sich, die sich abwechselnd nach vorne drängen und für sie sprechen. An jenem Abend unterhielt sich der Moderator mit Isa, die auch dabeiblieb.
Manchmal jedoch »switcht« Bonnie, ohne es zu merken. Sie sagt auch:
Es ist so, dass manche im Hintergrund zuhören und manchmal einen Satz einwerfen.
Im Alltag sei das schwierig. Man komme in eine andere Stadt, wo man etwas zu tun habe, als eine andere Persönlichkeit »übernimmt«, die aber nicht weiß, was sie hier soll und verwirrt ist. Bei Bekanntschaften wird das Gespräch plötzlich schwierig, weil eine neue Persönlichkeit da ist, die das Gegenüber nicht sympathisch findet … oder es gar nicht kennt.
Die Psychologin Katharina Ohana sprach von einer Entwicklungsstörung, einer »Schutzmaßnahme«. Sie sagte, sie versuche, die Teile sich aufeinander zubewegen zu lassen, damit sie mit der Situation umgehen lernen.
Bonnie Leben sagte:
Viele sein kann man annehmen, weil wir es nicht anders kennen … aber dass so viele Traumata dahinter waren, das konnten wir nicht annehmen! … Wir schreiben alles auf. Also können wir ein wenig kommunizieren, da wir das Tagebuch haben. Man kann es nie allen recht machen. Es entscheidet die Person, die gerade dran ist. Eine Abstimmung ist begrenzt möglich. Manchmal frage ich mich: Wo bin ich gerade? Was machen wir? Jeden Tag tritt Unsicherheit und Verzweiflung auf.
Bonnie Leben ist mit Meike verheiratet, die sie »unsere Frau« nennt (in der Mehrzahl). Meike lernte zu Beginn Fiona kennen, eine aus Bonnies »Team«.
Morgen Teil 2
Es ist die Fortsetzung von Diamantseele (1-5; Mai 2026) und Du hilfst dir selbst (1-6; Juni 2026).