Ich – ein Team? (3)

Heute gehen wir über zur Besessenheit. Plötzlich ist da jemand in uns, der vorher nicht da war. Kann ziemlich dramatisch werden. In den Filmen muss man den unreinen Geist dann immer mit einem Ritual hinausjagen. Ich glaube aber, Besessenheit spielt heute keine große Rolle mehr.

Besessenheit

Andere vertraten die Ansicht, viele der Verrückten, die Stimmen hörten und in der Psychiatrie steckten, seien in Wirklichkeit in der Gewalt niederer Geister, die in sie eingedrungen seien. An Besessenheit durch Dämonen glaubte man früher, und das Rituale Romanorum sollte dem Exorzisten helfen, den Geist auszutreiben. Wir können nicht so einfach behaupten, dass das erfunden ist.

Es dringt also ein Wesen in den Menschen ein und übernimmt die Steuerung. Wenn ein Medium sich in einer Séance einem Verstorbenen zur Verfügung stellt, geht es in Trance und ist nicht mehr richtig anwesend; ein Geistwesen fängt an, durch das Medium zu sprechen (oft mit seiner eigenen Stimme), das sich später, nach dem »Besuch«, an nichts mehr erinnert.

Etwas anders liegt der Fall bei Verliebtheit. Man hat eine Person gesehen, sich in sie verguckt und kann an nichts anderes mehr denken. Man ist besessen von ihr, kriegt ihr Bild nicht mehr los, hat keinen Appetit mehr, und die einzige Rettung besteht in einem Treffen mit dem geliebten Menschen. Im Orient ist die Geschichte um Madschnun und Laila bekannt geworden. »Madschnun Laila« heißt »der von Laila Besessene«; er kann nur noch an sie denken. Die Geschichte wurde erstmals im 7. Jahrhundert geschrieben. Madschnun lebt in der Wüste und deliriert. Er sieht bis zu seinem Tod Laila nur noch ein einziges Mal.

Im Judentum gibt es Besessenheit durch einen Dybbuk, einen Dämon. Zu 90 Prozent sind Frauen betroffen, und Rachel Elior erklärt uns, dies sei für Menschen, die sich nicht in die traditionelle Ordnung einfügen konnten, der einzige Weg gewesen, sich Gehör zu verschaffen. So konnten die Frauen, da angeblich fremdgesteuert,  tun, was sie wollten und dem Druck des Patriarchats entkommen.

Die Ansteckungs-Epidemien

Du siehst dich selbst in den anderen wie in einem Spiegel. Du findest überall nur dich selbst. Was du siehst (und wie du es siehst), liegt in deiner Verantwortung. Den letzten Satz sagte jemand über das Jenseits, doch alle diesbezüglichen Aussagen treffen, wenngleich abgeschwächt, auch auf unsere Welt zu.

Psychische Krankheiten haben natürlich mit dem Kontakt zu anderen zu tun. Wir brauchen den/die anderen wie Luft zum Atmen, wie ein Fisch das Wasser. Wenn diese Erfahrungen in der Kindheit verstörend waren oder eine Gehirnkrankheit vorliegt, spüren wir das zuallererst beim Kontakt zu anderen. Die Schizophrenen erkennen ihre Ich-Grenzen nicht mehr, alles flutet hinaus, sie wissen nicht mehr, wer und wo sie sind. Narzissten sehen die anderen als schattenhafte Gestalten, die als Erweiterung ihrer selbst fungieren. Wieder andere sind überzeugt, dass man ihre engsten Angehörigen durch Kopien ersetzt hat. Es gab Menschen, die sich für Napoleon hielten oder König Ludwig. An Größenphantasien gab es keinen Mangel.

Doch jeder Mensch kann der Ansicht sein, mehrere Ichs zu haben. Warum ich mich vor zehn Jahren in einer Weise entschieden habe, weiß ich heute nicht mehr. Ich bin heute ein anderer Mensch, zwar in Grundzügen derselbe – und doch anders.

Das Tarot zum Beispiel hat eine Heldenreise zum Thema: den Weg vom Narren mit der Nummer Null über viele Stationen bis hin zur Welt, der 21.

Zwischendurch gerät man in Verwirrung und sieht alles falsch (Der Gehängte); wir scheitern und müssen neu anfangen (Der Tod, Nummer 13), und du merkst, dass du auch gemein sein kannst (Der Teufel). Allmählich klärt sich alles, du weißt mehr und kennst dich besser bis zur Vollendung (die Welt), die jedoch prekär ist, und deshalb warnt auch das chinesische I-Ging, das ebenfalls zirkulär aufgebaut ist, beim letzen Zeichen (Nr. 64, Die Vollendung), man müsse nun besonders vorsichtig sein. Manchmal fängt ein neuer Zyklus an, auf einer höheren Ebene, und wiederum ist man der Narr.

 

Morgen Teil vier

Die Kommentarfunktion ist derzeit geschlossen.