Alma war in Peking

Nun stieß ich per Zufall auf eine Frau, die tatsächlich in Peking war: Alma M. Karlin. Die 30-jährige Slowenin packte Ende November 1919 ihre Erika-Reiseschreibmaschine ein und begab sich auf eine fast achtjährige Weltreise, die sie auch nach Peking führen sollte und Alma zu einer erfolgreichen Reiseschriftstellerin machte.

Ihr Buch, das mir zufiel, heißt Einsame Weltreise und erschien 2019 nochmals im Berliner AvivA-Verlag. Es sind 370 intensive Seiten über die Odyssee, die sie mit dem Schiff zunächst nach Südamerika brachte. Von Peru aus ging es hoch über Panama und Mexiko bis nach San Francisco, mit einem weiteren Schiff über Hawaii nach Tokio (sie hatte Japan bereisen wollen), durch China in die Mandschurei und dann noch in die Südsee; die 3 Bücher darüber (2: Im Banne der Südsee; 3: Erlebte Welt) verkauften sich in den 1930-er Jahren glänzend.

Nun habe ich mir so viele Seiten notiert, dass daraus, würde ich zitieren, 5 Beiträge entstehen könnten. Für einen Beitrag nur muss man alles raffen und pauschale Urteile fällen; es steht jedoch jedem frei, sich das Buch zu holen. Es ist ein Monument für die Hartnäckigkeit und Willenskraft einer Frau, denn es war oft genug eine »Höllenreise«, wie Alma Karlin zugab. Die heißen Temperaturen in den Tropen, der Hunger, die knappen Mittel, die sie besaß, Krankheiten und körperliche Angriffe machten ihr zu schaffen. In Arequipa fürchtete sie stets, vergewaltigt zu werden, und Männer boten ihr Geld an. (Die Bilder sind von Wikipedia.)

Speziell in Peru und Panama wurde die alleinreisende Frau oft als willfähriges Opfer gesehen. Mehrmals wurde sie verfolgt und zu Boden geworfen; sie hatte das Gefühl, dort in Peru herrsche bloß die »Macht der Sinne«. Die Einsame Weltreise legt auch Zeugnis vom Los der Frauen vor 100 Jahren ab. Über Mexiko, das arme Land und die Wohnungen:

Einrichtung gab es keine. Zwei oder drei Kisten, einige Hadern, gesammelt und nachts wohl das Bett darstellend, und quer durch den Raum schwebend die Hängematte, in der immer nur der Herr des Hauses lag, während sich seine bessere Hälfte abplagen musste. Mit vornehmer Überlegenheit sah er auf sie herab. 

Eine gute Erfahrung dieser Reise:

Immer wieder hatte ich Gelegenheit, zu erkennen, dass die Frauen der ganzen Welt mit nur geringen Ausnahmen herzensgut sind, und zwar je niederer in gesellschaftlicher Stellung, desto gutherziger. … Als ich schon alle Hoffnung aufgegeben hatte und mit Gott und der Welt zerfallen war, hat mich immer wieder ein Beispiel der Nächstenliebe vor völligem Seelenverfall gerettet. Es war stets, als ob ich auf dem trostlosen Weg einer unbegrenzten Wüste auf einmal eine Oase mit Blumen gefunden hätte. 

Und noch etwas Schönes:

Langsam sank der rote Sonnenball, berührte das Wasser und verschwand. Aber ehe die Sonne ganz und gar verschwunden war, zeigte sich eine unbeschreiblich schöne, smaragdgründe Halbscheibe – ein grüner Strahl, der unvergesslich blieb. … Es war der grüne Strahl – etwas, das man nur in der Wüste oder auf sehr ruhigem Meer schauen kann. Man sagt, dass der sich nie über seine echten Herzensgefühle täuscht, der den grünen Strahl gesehen hat.  

Dann Peking.

Man fährt fast vierundzwanzig Stunden, dann hält der Zug in einer Halle und man liest: Ch’ien Men. Das ist Pe-King, die Hauptstadt. 

Ihr Quartier war Foo-Lai, das ihr zum Paradies ihrer Reise wurde.

Es blieben noch genug Schatten und Einsamkeiten des Herzens, genug Leid, das keine Sonne zu verscheuchen vermochte, aber ich hatte ein ruhiges Zimmer – ein heißersehntes und seltenes Ding! – und Menschen, die mich lieb hatten. 

Peking war der einzige Ort, der mich nicht enttäuschte. Da hingen die roten, mit goldenen Buchstaben verzierten Streifen tatsächlich aus den Fenster, da waren die geschnitzten alten Tore grün und goldig im Ton, da schoben phantastische Tiergebilde, die nie gelebt haben konnten, ihre Steinhäupter aus Mauervorsprüngen, und da war das Straßenbild so, wie man es sich geträumt hatte und wie es vor tausend Jahren schon gewesen sein mag …

Viel schreibt sie auch über die Tempel, die in ihrer himmlischen Abgeschiedenheit daliegen. Japan gefiel ihr auch, weil man sie da in Ruhe ließ, doch in Osaka stößt sie auf »schon unhöflich gewordene Japaner«. Die Inseln waren vor 100 Jahren noch nicht so verwestlicht wie heute, und wir haben erfahren, dass man als Frau dort auch belästigt wird. Die Nordamerikaner mit ihrer »kalten, rücksichtslosen Tatkraft« erwähnt sie und freilich auch die »Reichsdeutschen«, also die Bürger des Deutschen Reiches (seit 1871), die für die Arbeit leben und in Behörden eiskalt sind und hinter deren Fassade stets etwas Unerbittliches durchschimmert. So waren unsere Vorfahren.

Alma M. Karlin kehrte in ihr Slowenien zurück und ließ sich in der Nähe ihres Heimatortes Celje mit einer Freundin nieder. Sie starb dort 1950 mit 60 Jahren, vergessen und verarmt.

 

Die beiden Peking-Bilder sind aus der Sammlung der Library of Congress, Washington D. C.  

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Annemarie Schwarzenbach

 

 

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