Vierzehn Arten des Schauens
Diese Fourteen Ways of Looking ist ein neues Buch der australischen Autorin Erin Vincent, die darin nach 20 Jahren über den Tod ihrer Eltern bei einem Verkehrsunglück reflektiert. 2007 hatte sie als junges Mädchen Grief Girl geschrieben und damit schon etwas davon verarbeitet.
Rosalind Moran behandelte das Buch Anfang Juni in der Sydney Review of Books. Der Beitrag heißt Piecing Together in the Afterlife. Erin Vincent erlebte gleich ein paar Synchronizitäten, was sie so schilderte:
Eines Tages bemerkte ich das Wort Vierzehn in einem Roman, den ich las. Am nächsten Tag passierte es wieder, in einem Zeitungsartikel, dann in einer Fernsehshow, dann in einem anderen Buch. Vierzehn. 14. Ich habe nicht danach gesucht. Es kam zu mir. Jetzt kann ich nicht darüber hinwegsehen.
Ihre Eltern wollten 2007 die Straße überqueren, als ein Lastwagen kam und sie niederstreckte. Ihre Mutter war gleich tot, ihr Vater starb 4 Wochen später. Also waren sie, Erin und ihre 17-jährige Schwester sowie ihr 3-jähriger Bruder, schlagartig zu Waisen geworden. In Grief Girl erzählte Erin Vincent direkt; 20 Jahre später liest sich das anders, und Rosalind Moran analysiert:
Fourteen Ways of Looking ist experimentell und nicht-linear und mäandernd und auf der Suche nach einer Struktur, die psychische Aufruhr wiedergeben könnte. … In Fragmenten erzählt, ist es ein Buch von aneinandergereihten Empfindungen, Erinnerungen, Beobachtungen – und manche stammen von Vincent in der Gegenwart, während andere sich auf die Vergangenheit beziehen und von der Autorin irgendwann niedergeschrieben wurden.
Erin Vincent empört sich:
Mit vierzehn rief ich Gott an.
Gott sagte: Sorry, falsche Nummer.
Mit vierzehn rief ich Gott an.
Gott sagte: Sorry, bleiben Sie dran.
Mit vierzehn rief ich Gott an.
Gott hielt es nicht der Mühe wert, sorry zu sagen.
Mit vierzehn rief ich Gott an.
Gott nahm nicht ab.
Warum ließ er das zu? So viele Tragödien, Millionen Tote, jeder einzelne eine Wunde, eine Leerstelle. Niemand denkt heute an Gott, und da soll er plötzlich für alles herhalten. Warum lassen die Menschen das zu? Es ist unsere Sache. Ein Lastwagenfahrer fährt zu schnell, zwei Menschen und unachtsam, was hat Gott damit zu tun? Drei Kinder sind Waisen, und das ist das Leben, Verluste verarbeiten zu müssen, Schicksal, Pech, Karma, was immer: Wir sind auf einer neuen, ungewohnten Bahn.
Vincent will nicht nur ihre eigenen Erlebnisse verstehen, sondern auch rückwirkend ihre Mutter, und sie fragt sich:
Ist es das, was ich hier versuche: Leben wiederzuerwecken? Und wenn das so ist: ihres oder das meine?
Eine Wiederauferstehung? Rückkehr ins Leben? Das ist ein Gedanke, der mich bereicherte: Nach einem schweren Verlust muss man sich neu orientieren, damit klarkommen, die Lücke füllen, zurück ins Leben finden. Beim Nachdenken über den/die Verstorbene/n erschafft man die Vergangenheit neu und steht vor einer ungewohnten Zukunft. Zu wissen, dass die Toten in einer anderen Dimension weiterleben, hilft da nur bedingt. Es geht um das eigene Weiterleben! Insofern ist eine Wiederauferstehung nötig; auch für die Lebenden, die Zurückgebliebenen.
In der 14. Sure des Koran steht in den ersten Versen mehrmals: von der Dunkelheit ins Licht. Mina al-ththulumati ila al-nuri.