Ein Jahr danach: The Secret of Secrets
Genau heute vor einem Jahr kam in Deutschland The Secret of Secrets von Dan Brown heraus, und meine Nichte Franziska brachte mich kürzlich drauf: Nahtod-Erfahrungen und viel Psi seien drin. Sie kaufte es und ich durfte es lesen. Nun also mein Eindruck. Psi kommt vor, wenigstens in Gesprächen, und darüber weiß ich ja alles.
Die Geschichte spielt in Prag, wo wir letztes Neujahr verbrachten; da werden eine Menge Touristen schon wegen Dan Brown angereist sein. Es ist der sechste Roman mit Professor Robert Langdon als Protagonisten, und begleitet wird er von der schönen, klugen Bewusstseinsforscherin Katherine Solomon. Acht Jahre hat Brown an diesem Buch geschrieben. Ich glaube, dass viele die Handlung kennen, aber verraten will man dennoch nichts. Was könnte ich noch dazu sagen?
Die Personen sind im Buch ja meist unter der Erde tätig; schauen wir uns daher alles aus der Vogelperspektive an. Wir sehen am Beispiel Dan Brown, wie der Mainstream funktioniert, was er sagen kann und wo ihn der Zeitgeist blockiert. Es ist ein düsterer Thriller. Würde ich einen Thriller schreiben, der in Prag angesiedelt ist, so würde ich vielleicht auch den Golem reaktivieren, wie es Dan Brown getan hat.
Es geht viel um das nonlokale Bewusstsein (Link unten) und um die Tatsache, dass Bewusstsein auch ohne Gehirn funktionieren kann (das kann man heute sagen, das ist nicht mehr revolutionär), um den Grenzbereich zwischen Leben und Tod und also auch um Nahtod-Erfahrungen und außerkörperliche Erfahrungen. Da hat sich der Autor gut eingelesen, es wird aber auch leider etwas trocken und schulmäßig präsentiert, wie etwas Angelesenes.
Es gibt da eine Verschwörung durch die CIA, die für Experimente eine gigantische unterirdische Anlage erstellen ließ. Das ist übrigens ein James-Bond-Motiv: Bösewicht will die Welt kontrollieren und baut eine unterirdische Zentrale, die dann mitsamt dem Bösen in die Luft fliegt (war das nicht so in »Live And Let Die«?). Eine Institution namens Q kommt im Secrets-Buch vor, und Robert Langdon ist ein intellektueller Bond, der immer rechtzeitig den richtigen Einfall hat. Katherine ist sein Bond-Girl.
Der Autor belebt einen alten Traum aller Autoren: Es geht um ein Buch. Es wird sensationell sein, es wird das Wissen der Menschheit prägen. Es verschwindet und taucht wieder auf, es ist wie der McGuffin für Hitchcock: das, worum sich alles dreht. Es geht viel ums Bewusstsein, und große Entwürfe werden angedeutet, doch am Ende bleibt die Geschichte materialistisch und gehirnbezogen: künstliche Neuronen, ins Hirn eingepflanzte Chips, die Konzentration eines Enzyms. Diese Gesellschaft, die der Autor repräsentiert, bleibt dann doch wieder an biologischen und physiologischen Erklärungen hängen.
Wenn das Bewusstsein den Körper verlässt, könnte das die Todesfurcht bannen und die Welt würde besser werden, schwärmt Katherine Solomon. Würde das reichen? Ich weiß dann immer noch nicht, wo ich hingehe; das Leben nach dem Tod wird im Buch jedoch nur gestreift, nicht richtig ernst genommen wird es. Langdon erwähnt zwar die »Begegnung mit dem hellen Licht« bei den Nahtod-Erfahrungen, doch weiter geht er nicht.
Wenn man nur drei, vier Male sieht, wie TestpilotInnen erzählen von dem Licht, das sie einhüllte; von dieser unbeschreiblichen, bedingungslosen Liebe, die sie dabei erlebten, dann ist man für die Sache eingenommen. Würde man dies ins Buch einbauen, müsste man von der Schöpferquelle sprechen müssen, von Gott, von einer jenseitigen, gut durchorganisierten Welt … doch das ist in einem Mainstream-Buch anscheinend noch nicht möglich.
Man müsste von der Liebe sprechen müssen, der Urkraft im Universum, was im Thriller für die Massen jedoch nur zwischen Mann und Frau vorkommen darf. Und so verlieben sich auch Robert und Katherine ineinander, und es wird im Finale viel gesäuselt und geturtelt, am Pool, beim Abendessen und im Bett.
Der Parapsychologe Dean Radin hat nur bemängelt, dass Brown die Ganzfeld-Versuche falsch darstellte. Ich würde einen anderen Punkt hervorheben wollen: die außerkörperlichen Erfahrungen. Sie nennt Langdon »flüchtig«, was sie überhaupt nicht sind. Es gab mindestens ein Dutzend Leute, die oft über Jahrzehnte ausgedehnte Astralreisen unternahmen und viele Bücher darüber schrieben. Würde Wissenschaft diese ernst nehmen, hätte sie eine Topologie der jenseitigen Welt.
Und um ein paar Astralreisende auszubilden, die womöglich unsichtbar auf Spionagereise gehen würden, bräuchte man kein unterirdisches, Milliarden teures Threshold-Monstrum. Man könnte ein Hotel buchen und dort 100 Menschen einquartieren und sie unterrichten. Auf Youtube gibt es Kurse, mit denen man lernt, außerkörperlich zu verreisen. Angeblich soll es jeder lernen können. Wie ich schon einmal erzählte, versuche ich es seit 16 Jahren, und einmal nur war ich draußen, 30 Sekunden lang. Aber ich habe es nie vergessen.
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