Der Kommissar und der Mörder
Steffen Schroeder spielte 9 Jahre lang bei der SOKO Leipzig den Kriminalkommissar Tom Kowalski, und während er noch im Dienst war, besuchte er (ab 2014) ehrenamtlich Micha, einen Häftling im Gefängnis Tegel. Darüber schrieb er ein Buch, das mir in die Hände fiel. Spannende Lektüre.
Der Verlag tat natürlich alles, um die Leute anzufixen. So wurde der Titel »Was alles in einem Menschen sein kann«, und der Untertitel wurde »Begegnung mit einem Mörder«. Das Wort klingt dramatisch genug: Mörder. Schroeder besuchte einen solchen zwei Jahre lang. Auch im Weißen Ring, einer Vereinigung, die sich für Opfer von Kriminalität einsetzt, engagiert er sich. (Links stellt er vor der Haftanstalt sein Buch vor, ist vermutlich schon lange her, das Buch erschien 2017.)
Aber Micha, der nach schwerer Kindheit in rechtsextreme Kreise geriet, prügelte sich durch die Gegend, und eines Nachts schlug er zu wild drauflos, vielleicht war ein Messer dabei, und der andere starb. Wollte er eigentlich nicht, doch das gab lebenslänglich. Micha hatte zuvor schon einige Anzeigen kassiert und spekulierte:
Die hätten mir einfach n Dämpfer verpassen sollen, mich in U-Haft setzen. Dann wär ich vielleicht mal wach geworden. Aber ich kam gar nicht zum Nachdenken. Das nächste Mal, wo ich wach wurde, hatte ich lebenslänglich.
Nach einer »Heimkarriere« kam er in den Jugendwerkhof Torgau (DDR). Von 1964 bis 1989 wurden da 4000 Jugendliche »aufbewahrt«. Sie wurden kahlgeschoren, bekamen Anstaltskleidung und als Wohnung eine 8-Quadratmeter-Zelle mit Hocker. Manche hatten vor dem Duschen Angst; würde man sie vergasen? Das sagt alles. In der DDR wurden 500.000 Kinder zeitweise in Heime eingewiesen, und manchmal deshalb, weil die Eltern sie nicht richtig sozialistisch erzogen. (Bild rechts. Heute eine Gedenkstätte. Von Wikimedia Commons.) – So einen Staat hatte die BRD also 40 Jahre als Nachbar. Wir im Westen waren vorbildlich reuig, doch im Osten ersetzte man das Hakenkreuz durch Hammer und Sichel; und weiter ging’s.
Nach 15 Jahren Haft gibt es Hafterleichtungen. Zum Beispiel eine »Ausführung« in die Stadt zum Einkaufen, begleitet von Beamten. Micha fühlte sich wie ein Ausländer im eigenen Land. – Beginnt man eine Schlägerei, wird es schlechter: Sicherungsverwahrung im »Haus der toten Augen«. Für manche dauert diese ein halbes Jahr, täglich 23 Stunden auf Zelle.
Micha erzählt Steffen Schroeder viele Interna aus dem Knast. Die meisten kennt man. Dass Sexualstraftäter ganz unten auf der sozialen Leiter rangieren. Dass manche Dinge eingeschmuggelt werden. Auch Drogen und Ausweise. Dann gibt es die Clans: die Russen oder die Araber, und wenn 3 Russen in deine Zelle eindringen, sieht es schlecht aus für dich. Dennoch sagt Micha: »Nicht kneifen! Niemals! Immer Dominanz zeigen! Sonst bist du bald ein ›Fisch‹ und für jeden schon von vornherein ein Opfer.« (Links: der Knast in Bautzen. Berüchtigt.)
Mit 39 Jahren hatte Micha schon 21 Jahre im Gefängnis hinter sich. Und am Ende des Buchs (Mai 2016) zeichnete sich noch immer nicht eine Überprüfung der Haft ab. Alle sind vorsichtig, nichts geht voran. – Doch nun wird er längst wieder in Freiheit sein, der Micha. Bäcker wollte er ja werden, hoffentlich ist es ihm geglückt.
Am Ende noch eine vielsagende Stelle. Micha erzählt:
Ich hatte da mal ein einschneidendes Erlebnis. Ich wurde angegriffen von zwei, drei Russen, schon lange her. Alle haben sie von oben zugekuckt, keiner hat was gemacht. Dann kamen zwei Marokkaner und haben mir geholfen. Obwohl ich damals noch ne Glatze hatte und Fascho war! Das war für mich n Erlebnis, wo ich dachte: Wieso helfen die dir jetzt? Die ham in mir nicht den Nazi gesehen, sondern nur: Der braucht Hilfe, und fertig. Das war mit ausschlaggebend dafür, dass ich mich gedreht habe. Heutzutage ist jemand für mich nicht mehr n Arsch, weil er n Türke ist, sondern weil er sich wie’n Arsch verhält, das kann auch n deutscher sein. Ich brauchte ne Weile, bis ich das verstanden habe.
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