Unser großes Gefängnis
Noch als ich das Buch von Steffen Schroeder las, meldete sich Bernard Beitman in seinem Podcast mit der Frage Was uns Gefängnisse über die menschliche Natur verraten zu Wort. Das brachte eine neue Perspektive ins Spiel, denn Beitman und seine Gesprächspartnerin fragten sich: Was für eine Welt ist derzeit am Entstehen?
Seine Gesprächspartnerin hieß Alison Liebling. Sie ist Professorin für Kriminologie an der Universiät Cambridge und erforscht seit 30 Jahren Gefängnisse. Sie wollte wissen, was ein gutes Gefängnis ausmacht und ob man das irgendwie messen kann. (Links: Zentraler Korridor im Gefängnis Hale Paahao, Hawaii. Fotograf: Jack E. Boucher. Dank an Library of Congress, Wash. D. C.)
Frau Liebling erinnerte an Anthony Giddens, der in einem Buch geschrieben hatte, früher, in der »vormodernen Welt«, habe man den alten Werten vertraut und der Vergangenheit; heute gehe es viel um die Zukunft. Was werde aus einer technologisch effizienten Gesellschaft?, fragte Beitman. Werde sie zu unserem großen moralischen Gefängnis?
Die Professorin sagte, ihr neues Buch (Aristoteles‘ Gefängnis: Die Suche nach Menschlichkeit an tragischen Orten) habe ihr dazu gedient, sich über einiges klarzuwerden. Es zu schreiben, sei zu einer Art Pilgerreise geworden. 30 Jahre in Gefängnissen? Da werde man zu Extremen geführt. Was ihr bester Tag im Gefängnis gewesen sei?, habe sie ihre Gesprächspartner gefragt. Bald kamen Ausdrücke aus der Moral wie Humanität, Vertrauen, Beziehungen. So entwickelte sie einen Fragebogen mit 20 Fragen. Man könne also durchaus messen, ob ein Gefängnis menschlich sei.
Dann kamen die beiden auf den entscheidenden Punkt. Alison Liebling erwähnte Martin Buber und dessen Buch Ich und Du (hat manipogo 2021 behandelt, da steht vieles drin). Die beiden extremen Pole seien eine Ich/Du-Beziehung und die negative Ich/Es-Beziehung, in der ein Mensch als Objekt betrachtet wird, und Theodor W. Adorno hat dies im Hinblick auf die wachsende Konsumgesellschaft befürchtet und es Verdinglichung getauft.
Beitman sprach von unserer Gesellschaft als dem größeren Gefängnis. Die Vollzugsanstalten reflektierten unsere Welt. Heute herrsche viel Misstrauen; die Menschen täten nicht, was sie sagten. Alison Liebling berichtete von einem Gefängnis, das ihr nicht gut getan habe.
Dieser Ort war gelähmt durch Misstrauen. Sieht so die Zukunft der Welt aus?, fragte ich mich. Ich war alarmiert. Man dachte, da herrsche Nebel. Niemand war in die Lage, die Gesichter der anderen zu lesen. Und in anderen Gefängnissen hatte man das Gefühl, da ist das Licht eingeschaltet.
Beitman wies auf den Körper hin: Man solle mehr körperorientiert sein, weniger kognitiv (Seltsam, Therapeuten und Bewusstseinsforscher sprechen plötzlich unentwegt vom Körper). Dazu zitierte Frau Liebling wieder Giddens, der meinte, es müsse etwas/jemand da sein, der für uns die Welt repräsentiert, und der Kommunikationsdraht müsse »vibrieren«. (Diese Absonderungszellen, in denen man ein halbes Jahr niemanden sieht, sind verbrecherisch. So zerstört man Menschen.) Es gehe um Beziehung, um Kommunikation – und Beitman warf da die Liebe in das Gespräch, worauf Liebling zurückwich und meinte, sie benutze dafür lieber den Ausdruck Ich/Du-Beziehung.
Immerhin sieht der Therapeut, ganz in unserem Sinne, die Menschheit als eins. Der Titel seines kommenden Buches solle sein Therapie für die Menschheit, und er sah selber, dass das ziemlich hochtrabend klingt. Doch wir müssen uns wirklich überlegen, was derzeit für eine Welt am Entstehen ist.
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