Entkommensspiele
Man kann ja mal über etwas schreiben, von dem man nichts weiß und von dem man nur den Namen kennt. Wenn der Chefredakteur sagt »Machen Sie etwas darüber«, dann hast du ein paar Tage Zeit für die Recherche. Ich gebe mir eine Stunde. Internet-Recherche. Mal schauen, was passiert. Thema: Escape Games. (KI schafft’s in 5 Sekunden.)
Ich mache ja keine Computerspiele und weiß wenig von der Welt. In Ottmarsheim nahm ich mal ein Flugblatt mit, das mir gefiel.
Escape Games. Passt zu unserem Gefängnis-Thema. Der Mensch will spielen und etwas bewegen. Er bringt sich selber in Gefahr, um daraus herauszukommen. Auf einer Seite heißt es:
Hier wirst Du mit Deinen Freunden in einen Raum eingeschlossen, aus dem Ihr nur durch das gemeinsame Lösen von Rätseln entkommen könnt. Allerdings habt Ihr dafür nur eine gewisse Zeit zur Verfügung.
Der Escape Room also. Gefängnisfilme zeigen auch gern, wie der Held entkommt. 1979 war das Clint Eastwood in Flucht aus Alcatraz. Im selben Jahr streiften wir durch Paris, und jeweils am nächsten Ort fand man den Hinweis auf den übernächsten, um letzten Endes in einem Saal zu landen, in dem eine Fete stattfand. Ausgedacht hatte sich das die Klasse der Pariser Journalistenschule, bei der unsere Münchner Klasse eingeladen war. Die »Schnitzeljagd« war das Vorbild, und erfolgreiche Computerspiele übertrug man in die Realität.
Nun gibt es schon Outdoor Escape Games, und der Tourismus ist darauf angesprungen. Sogar im Hochschwarzwald kann man das spielen und auch in Städten. Man bekommt einen Koffer mit Gadgets, die einem weiterhelfen. Dauert 3 Stunden und kostet pro Person von 25 bis 100 Euro, je mach Zahl der Teilnehmer.
Mit anderen spielen ist schön. Da kommuniziert man und kommt sich näher; das ist anders, als wenn man beim Lesen eines Romans sich in sich selber einspinnt. Wir haben schon verstanden: In dieser Epoche in der westlichen, irgendwie übersättigten Kultur geht es darum, etwas zu erleben. Die Leute wollen sich nicht mehr zutexten lassen, sie sind etwas intellektfeindlich geworden (das war die Macht immer, ob sie auf Geld oder Terror beruht). Etwas erleben! Aus erster Hand!
Und wenn sie jemandem zuhören (in Podcasts), dann Leuten, die selber etwas erlebt haben. Vermutlich interessieren sie sich für Nahtod-Erfahrungen nur, weil das so weit vorn an der Kante ist, wie es irgend geht. Der Tod wird immer noch gefürchtet, und da sind welche sogar zurückgekommen! Für extreme Erlebnisse hatten die Leute immer etwas übrig, sie sind eben sensationshungrig und neugierig, also Psychiatrie, Gefängnisse, Mörder, alles vorstellbar Schräge. Der Journalismus kommt da kaum mehr mit, er war ja früher Lieferant von Unausdenkbaren, und ganz ganz früher waren es die Rummelplätze mit kleinen und riesigen Menschen, wilden Männern und giftigen Schlangen.
Also spielt gemeinsam! Vergesst dabei nicht, dass immer wieder mit tödlichem Ernst Menschen eingeschlossen wurden, die niemals wieder freikamen. Entkommen war nahezu unmöglich. Aber eines Tages entkommen sie doch, durch den Tod, in die andere Welt, und wenn sie zurückschauen, kommt ihnen ihr Leben vielleicht irreal vor, wie ein Spiel. Wir aber nehmen alles so irrsinnig ernst. Könnten wir nur etwas spielerischer an unser Leben herangehen!

