Spaziergang nach Syrakus

Das war ein netter und neuer Film, den ich gestern gesehen habe: Spaziergang nach Syrakus. Ein Kellner aus Rostock plant 1982 eine Reise nach Italien, was unmöglich ist, da er Bürger der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) ist. 1988 gelingt es ihm, er verlässt das Land und erfüllt sich seinen Traum. Und kehrt zurück. 

Lars Jessen hat mit Charly Hübner in der Hauptrolle die wahre Geschichte des Klaus Müller verfilmt, die dieser 2014 veröffentlichte unter dem Titel Gehen, um zu bleiben: aus der DDR nach Italien – und zurück. Friedrich Christian Delius (1943-2022) hatte aus dem Stoff schon 1995 die Erzählung Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus gemacht, die dann Grundlage des Films wurde.

Da fiel mir ein, dass Delius, der in Rom zur Welt kam, einmal um 2002 im dortigen Goethe-Institut sprach, und neben mir saß Hanno Helbling (1930-2005), der fast 20 Jahre das Feuilleton der NZZ geleitet hatte. Und ich erinnere mich, dass mir diese romanhafte Aufbereitung der Müller-Geschichte nicht gefiel. Warum nicht die wahre Geschichte darstellen? (Ich weiß nicht mehr, ob ich ihn das direkt gefragt habe.) Fact oder Fiction? Die Wahrheit hat ihre eigene Kraft; Literatur (und der Film) versucht immer, das Geschehen zu dramatisieren, es zuzuspitzen und zu überhöhen.

Egal, der Film nach der Erzählung ist gut. Es ist ein Film mit ruhigem Rhythmus geworden, ein normaler, erwärmender Film mit Gefühl und Gelassenheit, was natürlich vor allem Charly Hübner zu danken ist. Er war bekanntlich von 2010 bis 2022 Kommissar Bukow im Polizeiruf 110 aus Rostock, und Anneke Kim Sarnau verkörperte seine Kollegin König. Das war ein explosives Team! – Lina Beckmann, die in diesem Film seine Partnerin Anne spielt, ist im Leben tatsächlich Hübners Ehefrau. Als Regisseur drehte Hübner unter anderem vor 3 Jahren Sophie, der Tod und ich (Link unten).

Im Film versucht Paul Gompitz alles, um nach Italien zu kommen. Nach fast  7 Jahren der Vorbereitung schafft er es von Hiddensee mit dem Segelboot nach Dänemark, und dann steht er bald endlich oben auf den Bergen und überschreitet die Grenze zu Italien, dem Traumland der Deutschen. Mit dem Zug erforscht er Italien, und dann kommt er zurück, 8 Monate nach seinem Aufbruch, hoffend, seine geliebte Anne wieder in die Arme schließen zu können.

Der 1941 geborene Klaus Müller wurde danach im Frühjahr 1989 nur zu einer Geldstrafe verurteilt. Und Ende des Jahres hatte es endlich ein Ende mit diesem repressiven, engstirnigen Staat voller schlecht gelaunter Menschen und verlogenen Stasi-Mitarbeitern. Müller sagte selber, der Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802 von Johann Gottfried Seume (1763-1810) habe ihn inspiriert, der am 9. Dezember 1801 von Grimma aufgebrochen war und Ende August 1902 wieder Leipzig erreichte.

Was Seume erlebte, erfahren wir morgen, denn ich habe sein Buch, das damals ein Bestseller wurde, nach 12 Jahren nochmals rasch gelesen.

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