Schloss Elmenor (2)
Den gestrigen katholischen Feiertag (Allerheiligen) haben wir Manfred Kyber geschenkt, außerdem sind wir ja keine Heiligen, aber Seelen haben wir alle. Allerseelen. Und die rastlosen, ratlosen Seelen der Gesellschaft der Marquise werden gerettet, schon nach 100 Jahren; manche indessen lungern Jahrhunderte in alten Burgen herum.
Wir geben wieder Kyber das Wort. Die letzte Seite musste ich ganz wiedergeben, sie ist zu schön.
Die Chronik ließ es im ungewissen, wie der schreckliche Zufall zu erklären sei, dass der ganze kleine, intime Cercle der Marquise von Elmenor in einer Nacht verschieden war. War es ein plötzlicher, furchtbarer Schreck, der alle tödlich ergriffen hatte, oder war eine unbekannte Seuche durch eine der alten Türen geschritten und hatte den lebensfrohen Kreis mit ihren kalten Krallen dahingerafft?
Man hatte die Gruppe unweit von der Kapelle am Morgen von Allerseelen aufgefunden, und alle hatten einen Ausdruck des Entsetzens auf ihren Zügen. Bestattet wurden sie in großer Eile, und danach wollte niemand mehr auf Schloss Elmenor wohnen. Dennoch lebte jemand dort: Denn die Toten »schliefen nicht«.
Sie saßen weiter auf den feinen, zerbrechlichen Stühlen (…), elegant und vornehm wie damals, aber mit blassen Gesichtern … (Sie) wiederholten Nacht für Nacht die Bewegungen und Reden der letzten Stunde. … Aber das fühlten sie deutlich: Dies alles war nichts, wenn sie nicht den Schlüssel zur Kapelle wiederfanden.
Über hundert Jahre vergingen, Schloss Elmenor verfiel, und nur um Mitternacht huschten flackernde Kerzen von Fenster zu Fenster.
Nun sind wir in der heutigen Zeit, und da Märchen zeitlos sind, ist heute immer heute. Ein Hirtenknabe und sein Hund hüten auf der Heide eine Herde. Er möchte ein Sieger sein und kein Hirte, ruft der junge Mann aus. Dann spricht er zu seinem Hund von dieser »sonderbaren Nacht«: Er sei schon zwei Mal gerufen worden und nun rufe man ihn, vor Mitternacht, ein drittes Mal. Er müsse unbedingt zu Schloss Elmenor.
Als er den Saal betrat, in dem die flackernden Kerzen brannten, schlug die kunstvolle Pendüle auf dem Kaminsims Mitternacht, und das hatte sie nicht mehr getan seit über hundert Jahren. Um den Tisch herum aber saßen die Damen und Herren in den alten verblichenen Gewändern … Nur eine Gestalt hob sich leuchtender aus den anderen hervor, und sie kam langsam und zögernd auf ihn zugeschritten. Das war das junge Fräulein von Elmenor … »Bist du es, den ich gerufen habe, schöner Knabe?« fragte sie und lächelte … »Bist du es, die mich gerufen hat?« fragte er, »dann bist du wohl meine Schwesterseele und bist in Not gewesen, weil du mich riefst.«
Das Fräulein schildert ihrer aller Not, die sie tiefer empfände als die anderen. Sie hätten sich selber die Tür zur Kapelle verschlossen. Sie sei wach und wacher geworden und habe gewusst, dass nur das Kreuz auf dem Altar sie retten könne. Der Hirtenknabe erwidert, er brauche keinen Schlüssel, zum Kreuz stehe ihm jede Tür offen, und bei Sonnenaufgang werde er sie dorthin geleiten. Das Fräulein:
»In jener Nacht, bevor der schwarze Kavalier gekommen war, wollte ich die Rose an meiner Brust verschenken. Aber ich tat es nicht, und jetzt bin ich froh, dass ich es nicht getan habe. Es ist nichts um eine Liebe ohne Seele. Aber heute habe ich meine Schwesterseele gefunden, und heute will ich dir meine Rose schenken. Weißt du, was das bedeutet, schöner Knabe?«
»Vielleicht weiß ich es, schöne Dame«, sagte der Hirtenknabe, »vielleicht war das schon viele Male, dass du mir deine Rose schenktest, vielleicht wird es wieder einmal sein. Wir kennen uns ja schon so lange, viele tausend Jahre.«
In einer Stunde wird Sonnenaufgang sein.
»Auch eine Stunde kann eine Ewigkeit sein«, sagte sie, und sie nahm die Rose von ihrer Brust und reichte sie dem Hirtenknaben. Und sie küsste ihn lange, lange – eine Stunde, die wie eine Ewigkeit war.
Dann ging die Sonne auf über der weiten Heide und über Schloss Elmenor.
Lautlos öffneten sich die verschlossenen Türen zur Kapelle, und der Hirtenknabe führte das schöne Fräulein von Elmenor an den Altar mit dem Kreuz darauf. Hier küssten sie sich zum letzten Male auf der Schwelle von dieser zu jener Welt.
Um sie herum standen Damen und Herren aus jener Nacht, … und wie sie mit den träumenden Schattenaugen die Sonne über dem Kreuz erblickten, war es, als ob sie sich langsam auflösten und in klaren, durchleuchteten Gestalten über eine Brücke aus Rosenranken am Fenster hinaufschritten, ins Morgenlicht hinein. Ihnen allen aber voran schritt der schwarze Kavalier – friedvoll und freundlich und in einem Kleide von Sonnengold.
Die letzte Gestalt, die der Hirtenknabe im Morgenlicht verschwinden sah, war das schöne Fräulein von Elmenor. Sie wandte sich noch einmal zu ihm um und sah ihn lange an mit den Augen der Schwesterseele.
Dann war er allein mit einer roten Rose in Händen, und in der Ferne läutete eine Glocke. Er musste zur Herde zurück.
Der Hirtenknabe hat niemals gefreit. Aber er wurde ein großer Hirte und ein Sieger, und er hütete die Seelen der Menschen und der Tiere. Er wanderte stille und einsame Wege, die sehr beschwerlich waren. Aber die rote Rose von Elmenor trug er immer auf seinem Herzen. Und er harrte geduldig auf den Tag, an dem dieses Pfand wieder eingelöst würde von seiner Schwesterseele in einem anderen Land.
Das ist die Geschichte von Schloss Elmenor.
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