Schloss Elmenor
Bei Manfred Kyber (1880-1933), dem grandiosen Märchendichter, fand ich eine ergreifende Gespenstergeschichte, die am Abend des 1. November beginnt und um Mitternacht abbricht, um an Allerseelen, dem morgigen Tag, ein gutes Ende zu finden. Wunderbare Lektüre: Schloss Elmenor.
Irgendwo – auf einer weiten, menschenleeren Heide – liegt Schloss Elmenor. Graue Nebel kriechen langsam um graue Mauern, an denen viele Geschlechter gebaut haben, auf den trotzigen Türmen knarren die Wetterfahnen, und die alten Bäume im Park neigen ihre Kronen und flüstern im Abendwind. Ein grüner sumpfiger See schließt Schloss Elmenor ein wie ein smaragdener Ring, und in seinem farbigen Glase spiegeln sich die alten Tore und Türme wie die Schatten ihrer selbst. (…) Nur um Mitternacht huscht ein scheuer Schein von flackernden Kerzen von Fenster zu Fenster – es ist nicht geheuer darin, sagen die Leute –, das sind die irren Lichter von Elmenor. … Schloss Elemor schkläft einen langen Schlaf, schon seit über hundert Jahren. (…) Das war nicht immer so gewesen. Einmal war junges Leben in den verlassenen Hallen, Musik und Tanz in den Sälen und Blumenduft und leises Lachen in verschwiegenen Kammern.
Es war eine kalte, düstere Herbstnacht vor Allerseelen, und ein dicker grauer Nebel lag auf der Heide. (…) Drinnen aber, im Saal neben der Schlosskapelle, saßen Damen im Reifrock und gepuderter Perücke und Kavaliere in seidenen Kniehosen, den Galanteriedegen durch den Rock von buntem Samt gesteckt. Das waren die Gäste der Marquise von Elmenor.
Der alte Graf humpelte vorbei, die Marquise provoziert ihn, es werden lockere Reden geführt, und zwischendrin erwähnt jemand, im Schloss spuke es, da laufe ein Kreuzfahrer umher, ein Mann ohne Kopf. Doch wir sind im Zeitalter der Aufklärung, 18. Jahrhundert, da lacht man drüber. Das Fräulein von Elmenor sagt leise, sie sollten an diese arme Seele denken, doch ihre Mutter, die Marquise, sagt hart:
Mon Dieu, mein Kind, du wirst sentimental. Allerseelen ist für arme Leute, die noch daran glauben. Es gibt keine Seele, ma chère, bloß die Vernunft, den esprit. Voilà tout. Man lebt und man liebt. Nachher ist es aus. Je mehr man liebte, um so mehr hat man gelebt. Der Tod versteht nicht zu küssen.
Man redet und scherzt und fragt, ob jemand seine Seele verpfänden würde. Ein Kavalier sagt zum Fräulein von Elmenor: »Zehnmal, mein Fräulein – um die Rose von Ihrer Brust.« Das Fräulein aber hat keine Lust und vertröstet ihn. Plötzlich wird es kalt im Salon. Der Graf sagt, er wolle die Kapelle schließen, für immer, das Seelenheil interessiere ihn nicht mehr. Den Schlüssel wirft er in den See. Dann wollen sie Menuett tanzen. Auf dem Kaminsims schlägt es Mitternacht. Und jetzt!
Am Platz des Grafen aber, ganz oben am Tische, saß der schwarze Kavalier. Er war ungewöhnlich groß und ganz in Schwarz gekleidet. Die dürren, langen Beine steckten in schwarzseidenen Kniehosen, ein schwarzer Rock umschloss eine Gestalt, die mehr einem Gerippe als einem menschlichen Körper glich, und auch sein Degen lag in schwarzer Scheide. Aus den zarten Spitzen der Ärmel ragten magere Hände hervor, knochig und von einer beinahe weißen Blässe. Die gleiche Farblosigkeit zeigte sein Gesicht, das fast an einen Totenkopf erinnerte.
Sogar die Marquise zeigt Furcht. Nach einigem Zögern bittet sie ihn, zum Tanz aufzuspielen.
Der schwarze Kavalier setzte die Flöte an die dünnen Lippen und begann zu spielen. Es war ein Menuett, und die Paare tanzten. Aber es war eine fremde Melodie, die keiner kannte. Sie war bar aller Harmonien, sie war so grässlich, so über alle Begriffe entsetzlich, dass jedem die Lust am Tanzen verging. Und doch bewegten sich alle weiter, puppenhaft und taktmäßig nach diesem Menuett des Grauens.
»Das ist ein schrecklicher Scherz, Monsieur, c’est abominable«, sagte die Marquise atemlos, mit einem letzten Rest ihrer Kräfte, »machen Sie ein Ende!«
Der schwarze Kavalier setzt die Flöte ab und sagt, sein Auftrag sei es gewesen, die Gruppe in die Kapelle zu führen. Doch die sei verschlossen. Sie müssten in die Totengruft. Jemand schreit leer und blechern auf. Sie könnten ebensogut hierbleiben, sagt der Flötist.
»Das Spiel ist aus, Madame«, rief der schwarze Kavalier und warf ihr die Flöte vor die Füße. Die Flöte zerbrach. Das Menuett des Grauens war ihr letztes Menuett gewesen. Da erloschen die Kerzen und der Sturm riss heulend die Fenster auf. Der schwarze Kavalier war verschwunden.
Morgen Teil 2.
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