Franco Battiato

Komische Sache: In all meinen Jahren in und mit Italien war es mir irgendwie gelungen, Franco Battiato zu übersehen, zu überhören. Lucio Battisti hörte ich, alle Namen von cantautori schien ich zu kennen. Giovanna machte mir ein tolles Geschenk, indem sie sagte: »Gib mal Battiato bei Youtube ein, Cerco un centro di gravità permanente

Eine Offenbarung. Diese Begeisterung der Zuschauer! Das ergreift einen total. Hier sind zwei neuere Live-Aufnahmen, eine aus London und eine aus Brüssel. Battiato wirkt wie ein emeritierter Professor, der versehentlich statt im Hörsaal im Konzertsaal gelandet ist.

Wir haben auch Aufnahmen des jungen Battiato gesehen, zum Beispiel damals, 1984, seinen Auftritt mit Alice beim Euro-Songcontest. Früher war er genauso linkisch und rätselhaft wie heute, ein intellektueller Sizilianer, der immer wirkt, als sei er zufällig da, wo er ist. Da ich ihn nun kennengelernt habe, wirkt der junge Battiato für mich wie eine Vorform; wie einer, der zu seinem gegenwärtigen Ich unterwegs war/ist.

Geboren wurde er vor fast 70 Jahren in Riposto zwischen Taormina und Acireale an der Küste, mit Blick auf den Ätna. Da muss ich wohl Ende Mai vorbeigeradelt sein, kommt mir noch bekannt vor, Riposto. (Früher hieß der Ort Jonio.) Ich fragte einen jungen Mann in einem Gehöft an einem Kreisel, und er sagt: am Meer entlang.Es waren nur ein paar Häuser.

Vergangene Woche im Restaurant des italienischen Supermarkts erzählte mir dann der Koch Elía, der frappant aussieht wie Peter Coyote (US-Filmschauspieler), Battiato habe in seinem Geburtsort eine Villa besessen, sei zum Kulturassessor ernannt worden, habe sich mit dem Bürgermeister gestritten und sei weggezogen – nach Rom. Elía hat sieben Jahre in Catania gearbeitet, und bei ihm speiste ich dann die Nudeln mit schwarzer Tintenfisch-Soße, die unter einem Haufen Muscheln (cozze) lagen. 

Vermutlich ist Franco Battiato der größte Poet der italienischen Sänger. Seine Texte sind so verwirrend und betörend, wie es gute Lyrik ist. Es ist unglaubliche Lyrik. Da schauen wir uns mal den Text von Cerco un centro di gravità permanente an, und ich hab ihn natürlich auch übersetzt.

Una vecchia bretone
con un cappello e un ombrello di carta di riso e canna di bambù.
Capitani coraggiosi
furbi contrabban
dieri macedoni.
Gesuiti euclidei
vestiti come dei bonzi per entrare a corte degli imperatori
della dinastia dei Ming.

Cerco un centro di gravità permanente
che non mi faccia mai cambiare idea sulle cose sulla gente
avrei bisogno di…
Over and over again.

Per le strade di Pechino erano giorni di maggio
tra noi si scherzava a raccogliere ortiche.
Non sopporto i cori russi
la musica finto rock la new wave italiana il free jazz punk inglese.
Neanche la nera africana.

Cerco un centro di gravità permanente…

Over and over again
you are a woman in love baby come into my life
baby I need your love
I want your love
over and over again.

Ich suche den permanenten Schwerpunkt

Eine alte Bretonin
mit Hut und Schirm aus Reispapier und Bambusstange.
Mutige Kapitäne,
schlaue mazedonische Schmuggler.
Jesuiten Euklideer,
gekleidet wie Bonzen zum Eintritt an den kaiserlichen Hof
der Ming-Dynastie.

Ich suche den permanenten Schwerpunkt,
der mich nie mehr meine Meinung über Sachen und Leute ändern lösst
Ich bräuchte …
Immer wieder.

Auf den Straßen Pekings war es an Tagen im Mai,
wir hatten Spaß beim Sammeln von Brennesseln.
Ich ertrage die russischen Chöre nicht,
nicht den Pseudo-Rock der neuen italienischen Welle
und nicht den Free-Jazz-Punk aus England.
Nicht mal den schwarzen afrikanischen.   

(Refrain)

 

2 Kommentare zu “Franco Battiato”

  1. Peter

    Ciao Don Manfredo, il King Crimson della bicicletta gialla!

    Mein Kommentar:
    Besser späte Offenbarung als keine.
    Hier noch eine Zeile aus „Mesopotamia“, mein Lieblingslied:

    Che cosa resterà di noi? Del transito terrestre?
    Di tutte le impressioni che abbiamo in questa vita?

    Oder noch schöner: Oceano del Silenzio, hier sogar mit deutschen Zitaten aus dem merkwürdigen Buch „Wasserstatuen“ von Fleur Jaeggi

    Grüße aus LL, Peter

  2. web108

    Hi Peter! Eine nette Überraschung, dein Kommentar! Das mit dem „transito terrestre“ kenne ich durch Lucio Dalla, der jetzt ja weiß, woran er sich noch erinnert – aber er hat uns viel hiergelassen. Ein wunderbarer Song, Battiato schwebt anscheinend immer etwas außerhalb und drüber, viaggi interestellari und sowas … Fleur Jaeggi setze ich mir mal auf die Liste, und dir viele Grüße ciao Manfred.

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